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Die Hochzeit von 1475 Europas größtes höfisches Fest

„Himmel Landshut“ – der frohe Gruß, „Tausend Landshut“ – die stolze Antwort: an hochzeitlichen Tagen leben die 60 000 Bürgerinnen und Bürger der Bezirkshauptstadt von Niederbayern in ihrer prunkvollen Vergangenheit. Bei der „Landshuter Hochzeit 1475“ freite der junge Herzog Georg von BayernLandshut die Polenprinzessin Jadwiga – Hedwig. Damals feierte man das üppigste Fest der späten Gotik, ein Anlass von europäischer Dimension. Heute zelebrieren die Landshuter nicht zuletzt zum eigenen Vergnügen den Gästen aus aller Welt Europas größtes und aufwändigstes historisches Kostümfest – eine veritable Dokumentation voller akribischer Hingabe zum Detail. Eine Stadt spielt Mittelalter. So perfekt, dass auch die Historiker begeistert sind.

Die Abschlussrechnung, die der herzogliche Haushofmeister kurz vor Weihnachten 1475 seinem gestrengen Herrn unterbreitete, war gesalzen. Herzog Ludwig von Bayern-Landshut aus dem Hause Wittelsbach berappte 60 677 Rheinische Gulden für die Hochzeit seines mitregierenden, 20-jährigen Sohnes Georg mit der zwei Jahre jüngeren Hedwig, des Polenkönigs schönem Töchterlein. Die historische „Landshuter Hochzeit“ kostete somit – vorsichtig umgerechnet – rund 12 Millionen Euro. Doch den Herzog machte das nicht arm, man nannte ihn nicht von ungefähr im weiten Umland nur „den Reichen“.

Seit 1903 wird in der alten Hauptstadt Bayerns die völkerverbindende SuperHochzeit als touristischer Großevent alle vier Jahre neu inszeniert. Unter der Regie des Vereins „Die Förderer“ schlüpfen 2400 Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer in historische Kostüme und tauchen als Edeldamen und Junker, Ritter und Reisige, Gesindemägde, Pagen oder Ratsherren begeistert in die sinnliche Welt des Mittelalters ein.

Damals traf die königliche Braut an einem grauen Novembertag vor der IsarStadt ein, wo sie der Bräutigam erwartete. Die Fern-Verlobten sahen sich in diesem Augenblick zum ersten Mal. Hedwig konnte nur wenig deutsch, obwohl ihre Mutter eine Habsburgerin war, Georg nicht polnisch. Sogleich ging es zur „Kirchen von St. Martein“, sogleich wurde die vertraglich besiegelte Ehe geschlossen. Und in den vornehmsten Häusern der Stadt begannen danach die weltlichen Feiern: der Brauttanz noch am Abend der Ankunft und später das Beilager;

Heute erwarten kauzige Komödianten, Dudelsackpfeifer und „welsch“ aussehende Moriskentänzer – wie damals – an jedem der vier Sonntage mit jeweils rund 150 000 Besuchern aus aller Welt den Kilometer langen Zug. Dann blitzen die blankgeputzten Helme der Stadtknechte in der Sonne auf, Trommler folgen, Trompeter, edle Fräulein, eine lärmende Kindergruppe. Athletische Fahnenschwinger treiben Hochleistungssport, langrohrige Businen arabischer Herkunft schmettern ihre Lieder, Pferde, rumpelnde Wägen, eine schaukelnde Sänfte für den gichtigen Bräutigamsvater. Die Herzogliche Hofmusik kündigt die Fürstlichkeiten an: der Markgraf von Brandenburg, die „alte Frau von Sachsen“, der Bruder des türkischen Sultans…

Acht prächtige Schimmel ziehen den goldenen Prunkwagen der Braut. Lieblich lächelt sie den jubelnden Gästen am Straßenrand zu. Einmal mehr bewährt sich der Festsaal Altstadt. Von den Tribünen fliegen Blumen auf den Platz, Rosengebinde und Buchskränzlein für die Braut. Aus tausend heiseren Kehlen klingt es immer wieder: „Himmel Landshut – Tausend Landshut, halloo, hallooo…“

Auf tänzelndem Rappen folgt der Hochzeiter Herzog Georg, in braunem Samt gekleidet, eine kühne Feder auf keckem Hut. Was für ein stimmiges Bild. So kann es tatsächlich gewesen sein. Wie 1475 flirrt die Flut der Farben, kitzelt das Creszendo an Tönen im Ohr. Und so verschmelzen in Landshut Traum und Realität zu nahtloser Freude.

Der festliche Zug ergießt sich auf die Turnierwiese am Isarufer, wo einst die Braut den Boden der Stadt betrat. Alte Bäume spenden Schatten. An erhöhter Tafel nehmen die fürstlichen Gäste und das Brautpaar das Hochzeitsmahl ein und die Huldigungen der Stände entgegen. Rolandreiter treten auf, Reisige und Ringelstecher. Eiserne Ritter zu Pferd sprengen mit eingelegten Turnierlanzen aufeinander zu, um „den Spieß zu brechen“. Der Sieger erhält ein Heftlein aus der Hand der Braut. Wer gewinnt, entzieht sich der Regie.

Langsam wird es dämmrig im weiten Rund. Die Feuer im Lager beginnen zu flackern. Nur noch die Trausnitz über dem Platz hoch aufragend, prangt rötlich in der Abend-sonne. Es duftet nach gebratenem Fleisch, nach fremdländischen Gewürzen. Ganze Hammel oder Ochsen garen über glühenden Scheiten. Die Bierbanzen werden angestochen. Das große Feiern beginnt – wie damals auch.

Und dies war auch der Grund, warum dem Herzog die Hochzeit gar so teuer kam. Als gnädiger Landesfürst befahl er nämlich, kein Wirt dürfe während der Festlichkeiten Speise oder Getränk für Geld hergeben. „Deren acht Täg’“, eine ganze Woche lang, wurde die Bürgerschaft genauso aus des Herzogs Küche verköstigt, wie die mehrer Tausend Köpfe zählende Schar der Gäste.

So verzehrte man gemäß authentischer historischer Aufzeichnung u. a.: 323 Ochsen, 285 Brühschweine, 1 133 ungarische Schafe, 625 neugeborene Schafe und 1 537 Lämmer, 490 Kälber und 684 Sponsauen, 11 500 Gänse, 40 000 Hühner, 194 345 Eier, 220 Zentner Schmalz, 119 Scheiben Salz, acht Schaff Zwiebel und mehrere Tonnen Fisch. Dazu rannen 1 400 Maß Traubenwein durch durstige Kehlen, 18 390 Maß Hefewein und 330 Maß Met.

Herzog Ludwig der Reiche wolle das ganze Volk feiern sehen. Und das tat es. Das tut es bis heute.

© „Die Förderer“ e.V. / Christine Vincon