Die Magie des Lernens oder „Hilf mir es selbst zu tun“

Da wir in einer Leistungsgesellschaft leben, sind wir als Eltern immer mehr darum bemüht unsere Kinder zu fördern.

Coaching Kinder mit Laufrad

Ein Beitrag von Monika Thier

Intelligent sollen sie sein, zu geistigen Höchstleistungen fähig und Erfolg haben. Beim Studium, bei der Ausbildung, bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz. Nur die Besten haben eine Chance. Verständlich, dass viele Eltern gebannt auf dieses in weiter Ferne liegende Ziel schauen: „Wird unser Kind den Herausforderungen gewachsen sein? Haben wir ihm etwas mitgeben können, was seine Chancen erhöht?“

Bei diesen Bedenken ist es kein Wunder, dass es Eltern heute schwerer denn je fällt, der Zukunft ruhig und gelassen entgegen zusehen. Eltern wollen dabei unbedingt alles richtig machen. Und gerade mit diesem Wunsch nach Perfektion stehen sie sich sehr oft selbst im Weg.

Wenn der Funke überspringt

Lernen ist wie ein Feuerwerk: Zum einen muss der „Funke“, also die Anregung, die Eltern ihrem Kind zu einem bestimmten Zeitpunkt anbieten, genügend Zündkraft besitzen. Zum anderen muss aber auch das „Pulver“, also die Bereitschaft des Kindes etwas zu lernen, gerade in einem Zustand sein, in dem er sich auch gut entzünden lässt. Eltern können Funken sprühen so viel sie wollen: Wenn das Kind zum dem Zeitpunkt nicht offen für die elterlichen Angebote ist, geht das Feuerwerk eben einfach nicht los.

Hirnforscher und Entwicklungspsychologen haben inzwischen herausgefunden, dass die Nervenzellverschaltungen im Gehirn des Kindes in einer bestimmten Reihenfolge ausreifen und dass es deshalb Entwicklungsphasen gibt, in denen ein Kind etwas ganz Bestimmtes besonders gut lernen kann. Während einer solchen Phase ist ein gewisser Bereich des Gehirns gerade besonders formbar und die Nervenzellen sind dabei, ein dichtes Geflecht an Verschaltungsangeboten bereitzustellen. Das Kind wird daher bestimmte Angebote besonders gut aufgreifen. Weil die dabei gemachten Lernerfahrungen sich jetzt am leichtesten in Form spezifischer Nervenverschaltungen einprägen, spürt es die eigenen Fortschritte auch besonders gut. Dieser Erfolg motiviert das Kind, nach weiteren derartigen Anregungen zu suchen.

Maria Montessori erkannte diese Sensibilität bei Kindern schon vor mehr als 100 Jahren. Der Anpassungsprozess, die Kompetenz- und Persönlichkeitsentwicklung verlaufen laut M. Montessori nicht zufällig, sondern nach einem „Bauplan“, also einem aktiven Selbstkonstruktionsprinzip. Gelingt der Bauplan weitgehend störungsarm, dann entwickelt das Kind seine optimale psychisch-geistige Leistungsfähigkeit und Gesundheit.

Maria Montessori nannte diese Entwicklungsabschnitte extremer und spezieller Lernbereitschaft Sensible Phasen.

Ihre lange Erfahrung mit Kindern hat Maria Montessori zu der Überzeugung verholfen, dass alle Kinder bestimmte Perioden nach ihrem individuellen inneren Bauplan durchlaufen:

„Auf ihrem Höhepunkt gleicht die sensible Phase einem Scheinwerfer, der im Inneren der Seele aufleuchtet und gewisse Bezirke der Umwelt anstrahlt, das Übrige aber in verhältnismäßigem Dunkeln lässt. Dieser Strahl konzentrierter Aufmerksamkeit hinterlässt Ordnung und Unterscheidung, wo zuvor Chaos und Durcheinander geherrscht hat“.

Die sensiblen Phasen für den Erwerb bestimmter Kompetenzen wie Bewegung, Sprache, Sozialverhalten usw. sind von unterschiedlicher Dauer. In diesen Phasen kann nicht nur etwas leicht, schnell und wirksam gelernt werden, sondern jetzt sollte auch die Umwelt, Eltern und Pädagogen, ein entsprechendes individualisiertes Lernangebot bereitstellen, damit diese Phasen optimal genutzt werden.

Die Magie der Zahlen

Wenn M. Montessori den menschlichen Geist als einen „mathematischen Geist“ bezeichnet, so will sie damit nicht ausdrücken, dass Mathematik ein schwieriges Sonderphänomen ist, sondern das Mathematik etwas ist, das zum Menschen gehört.

Überall wo Vergleiche gezogen, Serien gebildet oder Klassifikationen vorgenommen werden, handelt es sich um Äußerungen des mathematischen Geistes. So ist die ganze menschliche Kultur, vor allem aber die technische Zivilisation der industriellen Hochkulturen unserer Tage, ganz und gar durchwirkt von Mathematik. Dass der Mensch bewußt zählt und misst, kann bis auf die Sumerer (um 3000 v. Chr.) zurückverfolgt werden.

Im Spiel erfahren unsere Kinder die Ordnung der Welt, die sie umgibt. Sie wollen diese Welt kennenlernen und betreiben schon sehr früh „Mathematik“. Der Grund dafür ist, dass Kinder eine natürliche mathematische Begabung haben.

Während viele Erwachsene unangenehme Erinnerungen an ihren Mathematikunterricht haben, besitzen Kinder noch ein natürliches und offenes Verhältnis zu Zahlen, zum Zählen, zum Vergleichen und Ordnen. Sie erleben dabei Spaß und haben Erfolgserlebnisse. Nahezu mühelos lernen sie Größenverhältnisse, Mengenangaben, Regel- und Gesetzmäßigkeiten kennen. Bereits die Kleinsten sind von Zahlen fasziniert. Jeder, der schon einmal den Stolz in den Augen eines Dreijährigen gesehen hat, der zum ersten Mal mit den Fingern sein Alter zeigen kann, ist sich dieser Magie bewusst.

Kinder lieben feste Ordnungen und Strukturen, da diese automatisch das gehirngerechte Lernen fördert und ihnen überdies Sicherheit geben (Innere Ordungssysteme). Sie entdecken unterschiedliche Formen, betasten sie, erkunden sie mit allen Sinnen, fügen Massen und Mengen hinzu und nehmen sie wieder weg (z.B. beim Spielen mit Sand), vergleichen Gleiches mit Ungleichem und tauchen so Stück für Stück in die Mathematik ein.

Kleinkinder lieben es außerdem, Vorgänge so lange zu üben, bis sie ihnen gelingen, bis sie also z.B. geometrische Formen in vorgefertigte Ausschnitte stecken können. Auch damit verfestigen sie ihre neuronalen Strukturen und speichern ihre Erkenntnisse im Langzeitgedächtnis ab.

Wie erkennen wir, ob Kinder besondere mathematische Fähigkeiten besitzen?

Ältere Kinder mit ausgeprägten mathematischen Fähigkeiten lieben es, Listen und Diagramme zu erstellen und bei Problemstellungen eigene Lösungswege zu suchen. Sie haben Spaß im Umgang mit Zahlen, Formeln und Maßeinheiten. Sie suchen nach logischen Begründungen, analysieren scharf und durchschauen oft schneller als andere Regeln und Prinzipien. Oft finden wir sie unter denjenigen, die organisieren.

10 Tips für Eltern mit Schulanfängern

  1. Lesen Sie ihrem Kind so oft wie möglich vor. Lassen Sie das Kind die Bücher oder Zeitschriften, den Zeitpunkt und die Dauer selbst wählen. Wenn Ihr Kind mit in das Buch schaut, können Sie beim Lesen manchmal auch mit dem Finger von Wort zu Wort springen.
  2. Akzeptieren Sie Kritzeln und andere Schreibversuche Ihres Kindes. Nehmen Sie ernst, was das Kind dazu erzählt. Fehler sind nicht schlimm. Sie können ihm daneben zum Vergleich anbieten, „wie die Erwachsenen das schreiben“. Schreiben Sie dem Kind jedes Wort vor, das es wissen möchte.
  3. Sprechen Sie mit dem Kind über das, was es malt. Formulieren Sie aus dem, was das Kind sagt, eine einfache Beschreibung des Bildes. Bieten Sie ihm einen Titel für die Zeichnung an: „Das Auto rast – soll ich dir das darüber schreiben?“
  4. Basteln Sie Ihrem Kind ein schönes Kästchen für seine eigenen Wörter, die Sie ihm nach und nach auf kleine Kärtchen schreiben.
  5. Kommentieren Sie auch Ihre eigenen Lese- und Schreibaktivitäten. Sprechen Sie leise mit, wenn Sie in den Regalen im Supermarkt nach einer Ware suchen: „Da steht Zucker drauf, da Salz – wo steht den Mehl auf der Packung?“  Reden Sie auch, wenn Sie den Einkaufszettel schreiben: „Was muss ich noch aufschreiben, damit wir es beim Einkaufen nicht vergessen?“ Lesen Sie im Geschäft den Zettel wieder laut vor.
  6. Lassen Sie Ihr Kind raten, was Schilder und Anschriften bedeuten: auf der Straße, an Häusern, auf Packungen. Machen Sie das Kind auf die Ähnlichkeit von Wörtern aufmerksam: Siehst du – Polizei sieht vorne genau so aus wie Post – und das hört sich auch beim Sprechen gleich an.“Aber üben Sie mit dem Kind nicht das Alphabet oder die Schreibweise einzelner Wörter. Belassen Sie es bei gelegentlichen Hinweisen und bei Antworten bei Fragen des Kindes.
  7. Machen Sie mit dem Kind eigene Poster, kleine Hefte, lassen Sie Buchstaben und Zahlen ausschneiden. Diese können angemalt, aufgeklebt und zu Bildern verarbeitet werden.
  8. Die sensible Phase für Zahlen beginnt oftmals schon mit 4 Jahren. Geben Sie Ihrem Kind alle „Zahleninfos“ die es möchte, ohne Vorbehalte. Spiele wie „Post“ und „Kaufladen“ beinhalten oftmals auch Geldspiele. Eine kleine Kasse mit 1 – 10 Cent Stücken bereichert die Freude an solchen Spielen.
  9. Regen Sie Verwandte und Freunde an, Ihrem Kind Briefe und Urlaubskarten zu schreiben. Bieten Sie Ihrem Kind an, aufzuschreiben, was es auf den Brief antworten will. Lesen Sie zwischendurch oder am Ende den ganzen Brief nochmals vor: So, jetzt haben wir geschrieben….
  10. Die Grundregel von Maria Montessori ist auch heute noch so aktuell wie vor 100 Jahren:

Hilf mir es selbst zu tun

Schon heute, egal wie alt Ihre Kinder sind, nehmen Sie sich innerlich vor, dass Sie Ihr Kind auf dem Weg zur Selbstständigkeit begleiten. Nehmen Sie sich vor, sich dem Leistungsdruck auf Ihre eigenen Art und Weise zu stellen, indem Sie Ihrem Kind die Möglichkeit geben, Fehler machen zu dürfen. Eltern, die ihre Kinder liebevoll und mit Abstand bei den Hausaufgaben begleiten, die vertrauen, dass in der Schule alles passend zusammenkommen wird und die wissen, dass noch kein Meister vom Himmel gefallen ist, haben es leichter. Hilf mir es selbst zu tun kann der Grundsatz für die ganze Schulzeit Ihres Kindes sein und bleiben. Sie werden diesen Grundsatz nicht bereuen.

Quellen:
Cornelia Nitsch/Gerald Hüther – Kinder gezielt fördern
E. M. Standing – Maria Montessori – Leben und Werk

www.monika-thier.de

Monika Thier unterstützt als Familientherapeutin Eltern im „Erziehungsalltag“. Oftmals ermöglicht eine Erziehungsberatung einen neuen Blickwinkel zu finden und einen Perspektivenwechsel einzuleiten. Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt bei Eltern mit Kindern bis zum 10. Lebensjahr. Als Dozentin bei der Stadt München hält sie Vorträge, gestaltet Elternabende in Kitas und Krippen und arbeitet in der pädagogischen Weiterbildung für Tagesmütter und Tagesväter. Auch als Paartherapeutin steht sie Eltern und Paaren hilfreich zur Seite.

Für KiMaPa stellt Monika Thier in regelmäßigen Abständen interessante Kinderthemen wie Kinderängste oder Stressregulation vor und versucht damit, Eltern bei der Erziehung manche Unsicherheiten zu nehmen.

Monika-thier

»Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht der Mensch in seiner individuellen Ganzheit und in seinen Beziehungen. Ich verstehe jede Lebensäußerung als sinnvoll auf ein Ziel gerichtet und im Zusammenhang mit dem Ganzen.«

Praxisadresse

Monika Thier
Heilpraktikerin für Psychotherapie
Isabellastraße 43 (Hohenzollernplatz)
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