Ich bin immer noch so gestresst und erschöpft.

Warum wir mehr über unsere (Corona-)Erschöpfung sprechen sollten.

8. Teil der Serie „Familienthemen in Zeiten von Corona“

Ein Beitrag von Birgit Berthold
Lesezeit ca 4 Min.

Die Schulen sind wieder (wenn auch in etwas anderer Form als gewohnt) geöffnet, Kindergärten, Horte, Krippen, Sportvereine, Büros und Läden. Alles scheint wieder einigermaßen normal zu laufen. Und doch – irgendetwas macht es schwer.

In der englischsprachigen Literatur liest man ihn schon etwas häufiger: den Begriff „corona-fatigue“. Hier höre ich davon, wenn mir Menschen erzählen, dass sie erschöpft sind, sich überlastet, gestresst und kraftlos fühlen.

Und da spielt es kaum eine Rolle, ob ich mit meinen Klienten in der Praxis spreche, mit Eltern vor Kindergärten, vor Schulen, Horten oder mit Familie und Freunden. Was höre ich, was sagen mir die Menschen?

  • „Ich habe das Gefühl, ich kann nicht mehr – und das Schuljahr geht gerade los.“
  • „Mir fehlt einfach die Erholung dieses Jahr… ich bin total durch.“
  • „Ich mache mir große Sorgen darüber, wie es weitergeht.“
  • „Mir ging’s im Lockdown besser als jetzt… es ist, als ob mich was einholt.“

Gemeint sind damit keinesfalls die Schwäche und Müdigkeit als Nachwirkung einer Viruserkrankung. Gemeint ist der diffuse Gefühlszustand, der geprägt ist von Ruhelosigkeit und Antriebslosigkeit, von Stress und Ohnmachtsgefühlen, von Überlastung und Erschöpfung.

Was ist denn los? Haben wir jetzt alle ein COVID-Burn-Out?

Naja, so oder so ähnlich könnte es schon sein. Die New Yorker Therapeutin Esther Perel sagt dazu: „We’re not tired; we’re burned out (…) IT isn’t any one thing. We have a tendency to call it STRESS, but it’s multi-dimensional.“

Was meint sie damit?

Letztendlich sagt sie, dass das, was wir empfinden ganz normal ist und die logische Konsequenz der Anstrengungen, Ängste und Einschränkungen der letzten Monate. ES ist MULTIDIMENSIONAL. Also kompliziert, also komplex: also natürlich spüren wir das auch jetzt noch!

Ausgangsbeschränkungen, Veranstaltungen, Treffen, Feiern, die abgesagt oder ständig verschoben wurden, um die Verbreitung des Virus zu minimieren, hinterlassen bei uns Menschen ihre Spuren. Und deshalb sind wir jetzt, wo die Kinder wieder in die Schulen und Kitas gehen, alarmiert. Wir sind extra vorsichtig und vielleicht besorgter als sonst. Ob alles gut geht, ob wir als Eltern alles richtig machen, ob das für die Kinder zu stemmen ist, wie es weitergeht.

Warum glauben wir also, dass das keinen Einfluss auf unsere Psyche hat? Das ist emotionale Schwerstarbeit!

Es hat sich Vieles in unserem täglichen Leben geändert: wie wir einkaufen, wie wir uns begrüßen und verabschieden, wo wir uns treffen können, wie und wo wir Sport machen, wie wir unsere Freizeit gestalten. Unser Verständnis von Sicherheit, Rituale von Abstand und Nähe, Vorhersehbarkeit des Alltags, Planbarkeit unseres Lebens, Beherrschbarkeit unserer Umwelt haben sich radikal geändert.

Es geht um Verlust. Um Verlust von Gewohnheiten, von Sicherheit, von Kontrolle, von Freiheit. Das, was wir fühlen, ist vermutlich Trauer.

Trauer kommt eben oft zeitversetzt und in Wellen. Oder wie es eine meiner Klientinnen neulich formulierte: „Das, was ich seit März durchmache (Anm.: gemeint waren: homeschooling, home office, Ausgangsbeschränkungen etc.), macht sich jetzt erst bemerkbar.“

Wir trauern. Wir betrauern den Verlust der Normalität. Wir trauern ganz unterschiedlich lang und auf ganz unterschiedliche Art und Weise und zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Bei manchen geht es gleich los und andere bleiben erstmal im bekannten Modus und trauern später (Kast).

Es geht also nicht nur um den Verlust von Menschenleben, von Angehörigen oder Freunden, sondern um den Verlust von Routinen, Gewohnheiten Plänen und Perspektiven. DAS ist es, was uns doch weiterhin zu schaffen macht. DAS ist es, was wir betrauern, ohne es richtig betrauern zu können, weil es nicht greifbar ist (Kessler).

Die Therapeutin Perel erklärt es sinngemäß so: Wir haben so viele, nicht greifbare Dinge verloren, dass wir gar nicht so genau sagen können, was uns fehlt.

Und nun? Was kann ich tun? Wie kann ich gut damit umgehen?

Ein allererster Schritt ist es, zu verstehen, dass das, was ich fühle tatsächlich Trauer ist. Und zu verstehen, dass Trauer aus unterschiedlichen Phasen besteht, kann helfen, mich selbst besser zu verstehen.

Wie sieht diese „COVID-Trauer um Normalität“ aus? Kessler beschreibt die Phasen der Trauer durch diese unsichtbare Bedrohung folgendermaßen:

  • Leugnen: „Das kann nicht sein!“, „Dieses Virus ist nicht echt.“
  • Zorn: „Die Regierung ist schuld an den strengen Maßnahmen“, „Chinesische Märkte sind schuld am Ausbruch“ usw. (hier liegt übrigens eine Wurzel für Verschwörungstheorien…)
  • Verhandeln: „Okay, wenn ich mich an die Regeln halte, geht es schnell vorbei.“ 
  • Depression „Ich weiß nicht, wie lange das noch dauert.“ „Ich weiß nicht, ob es jemals wieder normal wird.“
  • Akzeptanz: „Ich akzeptiere die Situation.“, „Ich muss herausfinden, wie ich gut damit leben/umgehen kann.“, „Ich kann das schaffen.“

So hart das klingen mag: Trauer ist für unsere Psyche wichtig. Sie macht uns klar, dass ETWAS PASSIERT, dass etwas geschieht, das Bedeutung für uns hat. Dass wir einen Verlust erleben. Doch was können wir tun, damit es leichter wird?

  • Auf die eigenen Gefühle achten und sie annehmen: Versuchen Sie zu erspüren, was in Ihnen los ist. Alle Gefühle sind erlaubt! Es kann helfen, Sie aufzuschreiben.
  • Den Fokus dann auf die eigenen Stärken richten. Denken Sie an andere schwierige Phasen in Ihrem Leben: Was hat Ihnen damals geholfen? Wie haben Sie das damals geschafft? Was haben Sie gebraucht, um sich zu erholen, was hat gut getan?
  • Bleiben Sie im Kontakt und im Austausch mit anderen (das geht auf vielen Wegen!): Normalerweise mache ich sogenannte Elterncoachinggruppen zu verschiedenen Themen und Fragen des Familienlebens. Das macht deshalb Sinn, weil wir Menschen soziale Wesen sind, die von der Unterstützung der Gruppe profitieren. Und sei es nur, dass ich höre, dass es anderen genauso geht wie mir.
  • Schaffen Sie Routinen für sich und Ihre Familie: Das schafft Zuverlässigkeit und Vorhersehbarkeit und gibt uns das Gefühl von Kontrollierbarkeit. Dabei ist es wichtig, die Pflichten wie Hausaufgaben, Hausarbeit usw. zu inkludieren, aber genauso die Kür. Schöne Aktivitäten brauchen einen festen Platz in unseren Routinen – gerade in schwierigen Zeiten!
  • Banal und doch so existentiell: Sorgen Sie für ausreichend Schlaf (so gut das mit Kindern eben geht, ich weiß), ernähren Sie sich gesund und sorgen Sie für ausreichend körperliche Bewegung.
  • Und BITTE: Reduzieren Sie Ihren Medienkonsum, vor allem in Bezug auf Schreckensnachrichten. Glaubt man Stressforschern, ist es angemessen, als Erwachsener nur zweimal täglich Nachrichten zu lesen – und dazu nur vertrauenswürdige Quellen zu nutzen! Verlassen Sie Whats App Gruppen, wenn diese Ihnen Stress bereiten.

Zwei Supertipps aus der Praxis

  1. Wenn Sie das jetzt lesen und sich immer noch schrecklich fühlen, möchte ich Ihnen sagen: Machen Sie erstmal in Ruhe weiter. Vertrauen Sie darauf, dass „wenn Sie dem Kind einen Namen geben“, nämlich „Trauer“, sich schon einiges lösen kann. Unterschätzen Sie nicht die Macht der Worte, benennen Sie Ihre Gefühle! Das hilft. Seien Sie mutig und erzählen Sie Ihrer Freundin „mir geht es nicht gut“ oder sagen Sie Ihren Arbeitskollegen „ich mache gerade eine schwere Zeit durch“. Sie werden überrascht sein, wie verständnisvoll Ihr Umfeld reagiert.
  2. Lassen Sie Ihre negativen Gefühle (zumindest für Momente) zu.
    Wir sagen uns oft selbst „ich bin traurig dabei geht es mir doch gut.“ Besser wäre: „Ich bin traurig, das lasse ich jetzt mal 5 Minuten zu. Dann geht es weiter.“

Wir haben Angst, dass, wenn wir Trauer zulassen, sie nie wieder verschwindet. Also schieben wir sie weg. Das ist der falsche Ansatz. In uns fühlen wir sie nämlich trotzdem, da macht es doch Sinn, sich mit ihr auseinanderzusetzen – wie auch immer. Mit Gefühlen ist es nämlich so: Wenn eines da ist und ich es zulasse, geht es auch wieder weg. Und dann kann auch das nächste Gefühl (vielleicht ein schönes 😊) kommen.

Müssen wir jetzt alle trauern?

Nein. Wenn es Ihnen gut geht und Sie in Ihren Kräften sind, freue ich mich sehr für Sie! Darüber schreibe ich heute aber nicht. Ich bin Therapeutin: zu mir kommen die Leute, wenn es schwierig wird – nicht, wenn sie es besonders schön haben. Wenn es Ihnen gut geht: Seien Sie eine Stütze für die, die es gerade schwer haben, die trauern. Was Sie dabei gut tun können: hören Sie zu, seien Sie einfach da und vor allem: achten Sie auf sich selbst. Denn das ist eine wahre Kunst in schwierigen Zeiten: sich selbst gut zu behandeln.

Alles ist schwierig, bevor es leicht wird. (Saadî)

Herzlichst

Birgit Berthold

Dipl. Psychologin
Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin

www.birgitberthold.de

Ich bin Diplom Psychologin und Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin.
Ich bin Diplom Psychologin und Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin.
Das klingt kompliziert. In leichter Sprache heißt das: Zu mir kommen Menschen mit kleineren und größeren seelischen Problemen. Individuen, Paare und auch ganze Familien.
Zum Beispiel, wenn sie Angst haben oder wenn sie sich sehr traurig fühlen oder wenn sie viel Streit haben oder gar nicht mehr miteinander reden. Kurz: Wenn bestimmte Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen ihr Leben negativ beeinträchtigen.
Wir sprechen darüber und suchen gemeinsam eine Lösung. Damit es wieder besser wird.

Hinweis:
Alle Zitate und Beispiele sind so abgewandelt, dass Rückschlüsse auf Personen und Fälle nicht möglich sind.

Quellen:

  • Eppel, Melissa: „Coping with coronavirus: An upside of anxiety, the curse of panic.“. 2020.
  • Kast, Verena: „Trauern: Phasen und Chancen des psychischen Prozesses.“, 2013.
  • Kessler, David: Interview von Scott Berinato mit David Kessler: Harvard Busines Review, „That discomfort you are feeling is grief.“, 2020.
  • Perel, Esther: „What Is This Feeling? Anticipatory Grief and Other New Pandemic-Related Emotions. Letters from Esther.“, 2020.