Angst ist ansteckend –

Wie Eltern verhindern können, dass sich die eigene Unsicherheit auf ihr Kind überträgt.

2. Teil der Serie „Familienthemen in Zeiten von Corona“

Ein Beitrag von Birgit Berthold
Lesezeit ca 4 Min.

Unkontrollierbare Umstände und unberechenbare Folgen verunsichern uns Menschen

Das ist erstmal so. Das ist normal. Das ist nicht krankhaft. Ängste und Verunsicherungen sind etwas sehr Typisches, wenn unsere Bedürfnisse nach Sicherheit, nach Kontrolle, nach Zusammensein – also nach der Normalität, wie wir sie kennen – nicht oder anders erfüllt werden.

In vielen Familien müssen nun Dinge unter einen Hut gebracht werden, die sonst auf viele Schultern verteilt sind. Eltern sind oft überlastet, unruhig, erschöpft, angespannt oder genervt. Auch das ist sehr nachvollziehbar. Das Leben unter einem Dach, auf engem Raum verlangt von allen Beteiligten viel ab und kann Stress verursachen, Hinzu kommen Sorgen: um die Angehörigen, um die berufliche Existenz, um die Schulbildung der Kinder, um Freundschaften, um die Zukunft, um Freiheiten – kurz um den eigenen Lebensplan.

Vorneweg: Angst/Sorge ist in einer gewissen Dosis hilfreich, weil sie uns vor Gefahren schützt oder vor zu riskanten Entscheidungen bewahrt.

Sie mobilisiert Kräfte in uns und lässt uns einen klaren Kopf bewahren. Wir verhalten uns clever und vorsichtig, halten Abstand, waschen uns die Hände, tragen Mundschutz usw. Zu viel Angst, vielleicht sogar Panik, belastet unser Gehirn so sehr, dass wir nicht mehr in der Lage sind, uns angemessen zu verhalten. Wir werden überflutet mit negativen Bildern, reagieren eventuell körperlich, überschätzen die Gefahr und verlieren den Glauben an unsere Fähigkeiten, mit einer Situation fertig zu werden.

 

Wohin aber mit der eigenen Angst und Unsicherheit? Oder: Was kann ich als Erwachsener tun, um mit meiner Angst gut umgehen zu können?

  1. Die eigene Angst und Unsicherheit als allererstes mal annehmen, akzeptieren. Wenn ich aufhöre, sie wegzudrücken, wird sie eher nicht größer als sie sein muss. Ein möglicher Gedanke wäre: „Aha, so fühlt sich das also an, das fühle ich gerade, das ist okay.“
  2. Es ist immer sinnvoll, Ruhe zu bewahren.
  3. Meiner Meinung nach sollte mehr die Rede sein von „physical distancing“ und nicht von „social distancing“. Soziale Kontakte sind unglaublich wichtig und weiterhin möglich (auf anderem Wege eben). Sie gelten übrigens als einer der stabilisierenden Faktoren in schwierigen Zeiten.
  4. Es spielt eine große Rolle, wie man eine Krise bewertet. Welche Bedeutung weise ich ihr zu? Welche Bedeutung könnte ich ihr noch geben, kann ich irgendetwas Gutes sehen? „Wir haben viel geschafft in den letzten Wochen.“ oder „Ich weiß, das wird nicht ewig so dauern – auch wenn ich den Ausgang noch nicht genau kenne.“
  5. Den Fokus bewusst auf Positives Vielen Menschen gelingen gerade jetzt unglaubliche Dinge: die gilt es mit einer Extraportion Aufmerksamkeit anzuerkennen – man darf sich im Übrigen auch selbst loben!
  6. Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass es wesentlich ist, den Medienkonsum, der sich mit der Krise beschäftigt zu reduzieren. Glaubt man Stressforschern, ist es angemessen, als Erwachsener nur zweimal täglich Nachrichten zu lesen – und dazu nur vertrauenswürdige Quellen zu nutzen!
  7. Sich um andere kümmern, sich zu interessieren wirkt auch beruhigend auf uns selbst. Dies geht im Zweifel auch von Balkon zu Balkon, per Telefon, per Video oder per Brief wunderbar.
  8. „Messen“ Sie ihre eigenes Stresslevel: Wie belastet bin ich momentan, wie gut kann ich diese zusätzliche Belastung (er)tragen? Wo brauche ich Hilfe? Und: Welche Hilfen kann ich mir konkret in diesen Zeiten organisieren?
    (siehe dazu Infokasten unten)

Und was, wenn ich plötzlich ganz akute, starke Angst oder Panik bekomme?

  • Dann gehen Sie für einen Moment ins Bad, spritzen Sie sich kaltes Wasser ins Gesicht.
  • Oder Sie gehen an die frische Luft und gehen im Freien spazieren.
  • Oder Sie hören ruhige Musik (gerne über Kopfhörer) und schließen die Augen, wenn das angenehm ist.
  • Oder Sie lesen etwas (aber bitte nicht über Corona!) zur Ablenkung.
  • Oder machen Atemübungen oder meditieren. Eine beruhigende Atemübung geht folgendermaßen: Durch die Nase einatmen und dabei bis 4 zählen, kurz halten, durch Mund oder Nase auf 5 ausatmen, dabei aufrecht sitzen oder liegen und die Schultern entspannen.
  • Wenn Sie gläubig sind: beten Sie!

Wie soll ich mich meinen Kindern gegenüber verhalten?

Sie können dazu beitragen, dass Ihr Kind seine eigenen Ängste gut verkraftet oder sie gar nicht erst übermäßig auftreten. Dazu müssen Sie nicht lügen, sich nicht verstellen oder “andere Wahrheiten“ erfinden. Doch gehen wir erst einmal einen Schritt zurück:

Was fördert Ängste bei Kindern? Franz Petermann (ein klinischer Psychologe, der schwerpunktmäßig mit Kindern mit Angststörungen gearbeitet hat) beschreibt, dass vier elterliche Verhaltensweisen die Ängste von Kindern eher verstärken:

  • Ein überbeschützendes Verhalten der Eltern (ein Kind lernt dann nicht, dass viele Ängste unbegründet sind, wenn es sich ihnen nie stellen darf)
  • Abwertende Äußerungen zu kindlichen Ängsten („Stell dich nicht so an“ – ein Kind fühlt sich dann noch unverstandener)
  • Ängstliche Eltern (das Kind orientiert sich IMMER an seinen Eltern, d.h. „Mama zeigt Angst“ heißt fast automatisch „Ich bekomme Angst“)
  • Angst-Botschaften der Eltern („Denk daran, was alles passieren kann“. „Das wird schrecklich.“)

 

Wie erkläre ich meinem Kind die Situation ohne Angst und Unsicherheit zu erzeugen?

Sprechen Sie diese Sätze bitte einmal leise für sich:

„Ich bin ein Erwachsener und du bist ein Kind. Meine Gefühle sind meine Gefühle und deine Gefühle sind deine. Und weil ich erwachsen bin, kann ich deine Gefühle annehmen und für dich da sein – ohne, dass deine Gefühle zu meinen Gefühlen werden. Und ich werde versuchen, meine Gefühle wie Angst und Unsicherheit nicht zu deinen Gefühlen zu machen. Aber ich werde dir davon erzählen und mich nicht vor dir verstellen – jedoch nur so wie du es in deinem Alter verträgst.“

Sie fragen sich jetzt zu Recht: Und wie und was verträgt ein Kind in seinem Alter? Was soll ich ihm sagen? Dazu mehr nächste Woche.

Müssen wir jetzt alle Angst haben?

Nein. Wenn Sie keine Angst haben, freue ich mich sehr für Sie! Es gibt sie nämlich auch, die Familien, die entspannt sind, die plötzlich entschleunigt sind, wieder zusammengefunden haben, sich vielleicht das erste Mal überhaupt so richtig als System Familie begegnen – und bei denen weder Angst noch Unsicherheit eine große Rolle spielen. Darüber schreibe ich heute aber nicht. Ich bin Familientherapeutin: zu mir kommen die Leute, wenn es schwierig wird, nicht, wenn sie es besonders schön haben. Aber ich möchte ausdrücklich auch diese Familien erwähnen, die es besonders schön miteinander haben und sich hoffentlich sehr glücklich schätzen. Denn auch das ist in schwierigen Zeiten eine unglaubliche menschliche Ressource: Das Glück annehmen können.

Alles ist schwierig, bevor es leicht wird. (Saadî)

Herzlichst

Birgit Berthold

Dipl. Psychologin
Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin

www.birgitberthold.de

Hilfen

(Empfehlungen der DGSF – Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie e. V. – kein Anspruch auf Vollständigkeit)

  • Deutschlandweites, kostenloses Info-Telefon Depression: 0800 33 44 5 33, https://www.deutsche-depressionshilfe.de
  • Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS): http://www.suizidprophylaxe.de
  • Das Beratungsnetz: Beratungsplattform für psycho-soziale kostenlose Online-Beratung durch gemeinnützige und paritätische Einrichtungen zu Themen wie Trauer und Einsamkeit, körperliche Beschwerden, Psyche: http://www.das-beratungsnetz.de
  • Die Nummer gegen Kummer: kostenloses Kinder- und Jugendtelefon 0800/11 10 333, http://www.nummergegenkummer.de
Ich bin Diplom Psychologin und Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin.
Ich bin Diplom Psychologin und Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin.
Das klingt kompliziert. In leichter Sprache heißt das: Zu mir kommen Menschen mit kleineren und größeren seelischen Problemen. Individuen, Paare und auch ganze Familien.
Zum Beispiel, wenn sie Angst haben oder wenn sie sich sehr traurig fühlen oder wenn sie viel Streit haben oder gar nicht mehr miteinander reden. Kurz: Wenn bestimmte Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen ihr Leben negativ beeinträchtigen.
Wir sprechen darüber und suchen gemeinsam eine Lösung. Damit es wieder besser wird.

Quellen:

  • Arist von Schlippe: Werkstattbuch Elterncoaching.
  • Eppel, Melissa: Coping with coronavirus: An upside of anxiety, the curse of panic.
  • Petermann: Eltern- und Familienarbeit.