Ich bin jeden Tag für euch da – und wer kümmert sich um mich?

9. Teil der Serie „Familienthemen in Zeiten von Corona“

Ein Beitrag von Birgit Berthold
Lesezeit ca 4 Min.

Als Mama, als Familienmanagerin, Organisatorin, Freizeitgestalterin, Köchin, Spielgefährtin und und und… stehen Frauen jeden Tag ihren Mann. Allein diese Formulierung klingt doch absurd. Ist aber leider wahr.

Mütter geraten oft und unweigerlich ins Zentrum unterschiedlichster Erwartungen: Sie sollen da sein und loslassen können, Streit schlichten und laufen lassen können, nachts aufgeweckt werden dürfen und sofort wieder einschlafen können, sie sollen Probleme erkennen, lösen und ihren Kindern aber auch genug Selbstverantwortung überlassen. Stimmungen erspüren und ausbalancieren, Tränen trocknen, ohne selbst zu weinen, Freude miterleben (auch wenn ihnen nicht danach ist), beschützen, versorgen, bewundern, unterstützen, begleiten, loslassen und auffangen. Und nebenbei Haushalt… ach ja und Erwerbsarbeit gibt es ja auch noch!

Dabei sollen Mütter selbst gefestigt, stabil, ausgeglichen und gelassen sein. Puh. Einatmen, ausatmen. Puh.

Was ich oft höre ist:

  • „Ich soll immer alles verstehen, alles bereinigen, alles okay machen!“
  • „Manchmal machen mich diese ganzen Kindergeburtstage verrückt.“
  • „Ich habe nie gesagt: Hallo, hier bin ich… wenn ihr schlechte Laune habt, lasst die ruhig an mir aus.“
  • „Immer heißt es: nur noch schnell, nur noch schnell… warum eigentlich?“
  • „Ich bin nur noch für die anderen da.“

 

Was die Frauen (in den allerallermeisten Fällen sind es nun mal die Frauen, die so etwas zu mir sagen) nicht fragen – weder mich noch sich selbst ist:

  • Was tut mir gut?
  • Wovon brauche ich mehr?
  • Wovon habe ich zu viel, was sollte weniger werden?
  • Wie kann ich mein Leben, meinen Alltag so gestalten, dass ich dabei ausreichend für mich und die anderen sorge?
  • Und auch: Wie gelingt eine gute Zusammenarbeit mit meinem Partner oder anderen, um mit Leichtigkeit Freude und Elan die Anforderungen des täglichen Wahnsinns zu bewältigen?

Diese Fragen sind es aber, die wir uns selbst stellen müssen, damit wir überhaupt herausfinden können, was wir bräuchten.

Was wir bräuchten. Wenn wir etwas brauchen, dann fehlt uns das ja momentan. Eine Klientin sagte neulich zu mir: „Was ist eigentlich los, wissen Sie was mir fehlt?“. Und im wahrsten Sinn des Wortes, so mein Eindruck, FEHLTE ihr etwa: Spaß, Freude, Leichtigkeit, Unbeschwertheit, Selbstfürsorge!

Aber das wächst ja auch nicht auf Bäumen. Die Frage „wie kann ich mehr davon bekommen?“ ist berechtigt.


Dazu eine kleine Gedanken-Übung (Geheimtipp: Über sich selbst nachzudenken ist IMMER der erste Schritt der Veränderung – es lohnt sich also):

Stellen Sie sich eine Situation vor, das kann eine ganz kleine Alltagssituation sein oder etwas Größeres, etwas Zwischenmenschliches, das immer wieder kommt.

In dieser Situation haben Sie sich:

  • entweder nicht gesehen gefühlt
  • oder sich nicht getraut, zu sagen, dass etwas nicht passt usw.
  • oder Sie haben so getan haben, als ob alles okay wäre.

Einatmen, ausatmen, Situation vorstellen. In sich hineinspüren. Weiteratmen.

Okay, und nun stellen Sie sich dieselbe Situation vor mit einer kleinen Änderung:

  • Sie haben entweder gesagt, wie es Ihnen dabei geht
  • oder, dass Sie das so nicht wollen, können, gut finden, aushalten
  • oder, dass Sie dieses Verhalten, dieser Ablauf, diese Aussage verletzt usw.

Kurz: Sie sind theoretisch für sich selbst eingestanden. Dabei ist es jetzt egal, was genau Sie sagen oder machen würden. Darum geht es nicht. Es geht rein darum, DASS Sie etwas anders gemacht haben, um für sich selbst einzustehen.

Wie fühlt sich das an?

Einatmen, ausatmen, spüren. Weiteratmen.

Es kann sein, dass dann Gefühle hochkommen wie Angst (was denken die anderen, verliere ich dann mein Gesicht, wie wirke ich dann?). Vielleicht Verletzlichkeit (bin ich dann schwach?). Vielleicht kommen Gedanken wie „wer bin ich denn, darf ich mir das überhaupt erlauben?“ oder Angst davor, jemanden zu verletzen oder zu verlieren oder kein Gehör zu finden.

Es geht nun gar nicht darum, was die Lösung genau wäre, sondern darum, einmal zu spüren, wie es wäre. Dann erst können wir verstehen, was wir eigentlich wollen und brauchen.


Wenn Sie jetzt denken „Was soll das bitte? Ich bin auch Mutter und empfinde kein bisschen so. Ich liebe meine Kinder und sorge gerne für sie.“

Von lieben oder nicht lieben spreche ich in diesem Artikel nicht. Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass Eltern ihre Kinder lieben – so gut sie können eben.

Wenn es Ihnen gut geht, freue ich mich sehr für Sie! Darüber schreibe ich heute aber nicht. Ich bin Therapeutin: zu mir kommen die Leute, wenn es schwierig wird – nicht, wenn sie es besonders schön haben. Wenn es Ihnen also gut geht: Seien Sie eine Stütze für die, die es gerade schwer haben. Trauen Sie sich nachzufragen und da zu sein.

Und: Liebe Männer, liebe Väter: Dieser Artikel handelt deshalb von Frauen und Müttern, weil sie diejenigen sind, die mit mir darüber sprechen.

Und weil es dazu mehr Literatur gibt. Sollten Sie, liebe Männer, auch etwas dazu sagen wollen: ich freue mich sehr über Nachrichten zum Thema unter bb@birgitberthold.de

Alles ist schwierig, bevor es leicht wird. (Saadî)

Herzlichst

Birgit Berthold

Dipl. Psychologin
Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin

www.birgitberthold.de

Ich bin Diplom Psychologin und Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin.
Ich bin Diplom Psychologin und Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin.
Das klingt kompliziert. In leichter Sprache heißt das: Zu mir kommen Menschen mit kleineren und größeren seelischen Problemen. Individuen, Paare und auch ganze Familien.
Zum Beispiel, wenn sie Angst haben oder wenn sie sich sehr traurig fühlen oder wenn sie viel Streit haben oder gar nicht mehr miteinander reden. Kurz: Wenn bestimmte Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen ihr Leben negativ beeinträchtigen.
Wir sprechen darüber und suchen gemeinsam eine Lösung. Damit es wieder besser wird.

Hinweis:

Alle Zitate und Beispiele sind so abgewandelt, dass Rückschlüsse auf Personen und Fälle nicht möglich sind.

Quellen:

  • Anna Mathur: I can’t carry on like this – Blogeintrag, 08.01.2018.
  • Brene Brown: Daring Greatly: How the Courage to Be Vulnerable Transforms the Way We Live, Love, Parent, and Lead (English Edition). 2013.
  • Emily and Amelia Nagosky: Burnout: The Secret to Unlocking the Stress Cycle. 2019.
  • Cassidy Freitas: Postpartum Sleep and Mental Health with Cara Dumaplin of Taking Cara Babies. Holding Space Podcast. 2020.