„Wir sind dem Wahnsinn nahe“

Über (Home-)Schulverweigerer und Eltern am Rande der Verzweiflung.

7. Teil der Serie „Familienthemen in Zeiten von Corona“

Ein Beitrag von Birgit Berthold
Lesezeit ca 4 Min.

Eine Frage, die mir in den letzten Wochen immer häufiger gestellt wurde: Wie sollen wir damit umgehen, dass unser Kind die (Heim)Schule verweigert und nicht mehr kooperiert?

Heute geht es also um Familien mit Schulkindern. Für manche Kinder sind die Schulen wieder offen, zumindest teilweise. Andere müssen noch ein paar Wochen durchhalten und haben auch dann keine Aussicht auf einen normalen Schulbetrieb. Der Unterricht zu Hause und damit die Bereitschaft der Kinder, daran teilzunehmen, wird also weiter wichtig bleiben.

  • „Es geht einfach nichts mehr bei uns!“
  • „Am Anfang war es noch okay, aber seit 2 Wochen gibt es nur noch Streit.“
  • „Ich höre nur noch Nein, Nein, Nein.“
  • „Ich weiß einfach nicht mehr, was ich tun soll, damit mein Kind mitmacht.“

Was ist passiert, wenn plötzlich oder schleichend keine Kooperation mehr möglich ist? Wenn nichts mehr geht, da wo mal etwas ging? Wieso ist mal wieder die Schule das große Streitthema?

Wir haben mittlerweile 2 Monate Schulschließung hinter uns. Das ist erstmal wichtig, sich das bewusst zu machen. ZWEI MONATE. Es ist eben nicht so, dass man sich nach zwei Monaten an alles gewöhnt und irgendwann alles wie am Schnürchen läuft. Bei manchen Familien läuft es wie am Schnürchen (was auch immer darunter zu verstehen ist), bei anderen eben nicht. Das ist normal und trotzdem traurig und schlimm. Die Variante, in der es schwierig wird, ist einfach nicht schön – für alle Beteiligten. Es gibt Stress, Streit, Frustration und Verzweiflung auf beiden Seiten: bei den Kindern und bei den Eltern.

Wir wissen, wie kurzfristig die Effekte von Belohnung und Bestrafung generell sind (mit den entsprechenden Nebenwirkungen). Es bringt also nichts, zu schimpfen. Es bringt auch nichts, mit großen Versprechen zu locken. Die Erfolge sind maximal kurzfristig.

Ein Ansatz, der ursprünglich aus der Arbeit mit verhaltensauffälligen Jugendlichen kommt, heißt: „Die Neue Autorität: Stärke statt Macht“ (siehe Quellenangaben unten zur Nachlese). Dieses Konzept basiert auf der Idee der elterlichen Präsenz und des gewaltlosen Widerstandes.

Es bewährt sich sehr in meiner Arbeit mit Familien, wenn es mal schwieriger wird. Schwieriger als sonst, schwieriger als die Mitglieder dieser Familie es sich vorgestellt haben. So, dass kein einfacher Ausweg mehr in Sicht ist und die Eltern sich in ihrer Rolle als Mutter oder Vater als hilflos und handlungsunfähig beschreiben.

Es geht darum, dass:

  1. Eltern ihren „Job“ (wieder) wahrnehmen können, nämlich mit Souveränität, Ehrlichkeit, Freude und Präsenz Eltern zu sein.
  2. Eltern auf Mittel von Macht (Drohung, Erpressung: wenn keine Hausaufgaben, dann keine Spielzeit) und Gewalt verzichten.
  3. In Familien der Fokus auf die Beziehung gelegt wird.

Oder einfacher gesagt: „Nur wer die Beziehung pflegt, darf Kooperation einfordern“. Sonst „folgen“ Kinder aus reinem Gehorsam, der auf Angst und Macht basiert, oder erpressen ihre Eltern mit Forderungen.

Wenn Sie wollen, dass Ihr Kind Sie respektiert und als elterliche Autorität ansieht, ist es essenziell, als allererstes die Beziehung zu Ihrem Kind zu pflegen.

Ich gehe fest davon aus, dass alle Eltern ihre Kinder „richtig“ und sogar „richtig gut“ erziehen möchten. Nur ist es manchmal so viel, so verfahren, so unübersichtlich, dass es schwer ist, den richtigen Weg zu sehen.

Das klingt alles irgendwie theoretisch. Was können Eltern denn nun konkret tun, wenn sie mit ihren Schulkindern keine Kooperation mehr finden können, wenn sie in ihrem Job als Eltern handlungsunfähig sind?

  • Eltern können Struktur geben (Tagespläne, Rituale, Abläufe, die allen Beteiligten angemessen sind): das gibt Kindern Sicherheit und Orientierung. Seien Sie verlässlich, ohne dabei zu unflexibel zu werden.
  • Eltern können für eine positive Atmosphäre sorgen, in der sich alle gerne aufhalten: grundsätzliches Wohlwollen dem Kind gegenüber zeigen durch Zeit, Zuwendung, Trost und liebevollem Kontakt.
  • Eltern können dem Kind Aufmerksamkeit (auch mal ungeteilt) schenken, an ihm Interesse zeigen und Raum für Ideen, Wünsche und Initiativen geben.
  • Eltern können ihre Familie führen: quasi als Abteilungsleiter, als Manager und Experte dieser Familie.
  • Trauen Sie sich, auf Perfektionismus zu verzichten. Gut genug ist besser als perfekt!
  • Verzichten Sie immer auf Mittel von Macht, Kontrolle und Gewalt, um als elterliche Autorität wirklich und dauerhaft respektiert zu werden.

Dabei ist es wichtig, einerseits zugänglich und nicht abweisend zu sein, aber dabei nicht über das Ziel hinauszuschießen und aus Versehen überfürsorglich zu werden!

Zum Abschluss ein Experiment: Ich möchte Sie einladen, mal ganz bewusst aus der Problemtrance heraus zu gehen.

Das ist so gemeint: je mehr man sich in einem Gefühlszustand befindet, umso mehr empfindet man diesen, man steckt fast tranceartig in einem emotional belastenden Zustand fest: Alle Gedanken kreisen um dieses Problem. Ein anderer Weg kann eine Lösungstrance sein. Das Grundprinzip ist es, sich auf das zu konzentrieren, was bereits klappt und nicht auf das, was nicht so rund läuft. Oder um es mit den Worten von Steve de Shazer (dem Guru der Lösungsorientierung) zu sagen: „Finde heraus, was gut funktioniert – und tu mehr davon!“ und „Repariere nicht, was nicht kaputt ist.“

Nicht alles bedarf einer Optimierung. Schon gar nicht in herausfordernden Zeiten – gehen Sie ruhig sorgsam mit Ihren Kräften um. Und immer: Sorgen Sie gut für sich selbst, um gut für Ihre Kinder da sein zu können.

Alles ist schwierig, bevor es leicht wird. (Saadî)

Herzlichst

Birgit Berthold

Dipl. Psychologin
Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin

www.birgitberthold.de

Ich bin Diplom Psychologin und Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin.
Ich bin Diplom Psychologin und Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin.
Das klingt kompliziert. In leichter Sprache heißt das: Zu mir kommen Menschen mit kleineren und größeren seelischen Problemen. Individuen, Paare und auch ganze Familien.
Zum Beispiel, wenn sie Angst haben oder wenn sie sich sehr traurig fühlen oder wenn sie viel Streit haben oder gar nicht mehr miteinander reden. Kurz: Wenn bestimmte Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen ihr Leben negativ beeinträchtigen.
Wir sprechen darüber und suchen gemeinsam eine Lösung. Damit es wieder besser wird.

Quellen:

  • Arist von Schlippe, Michael Grabbe: Werkstattbuch Elterncoaching.
  • Cornelia Tsirigoti, Arist von Schlippe, Jochen Schweitzer-Rothers: Coaching für Eltern – Mütter, Väter und ihr „Job“.
  • Haim Omer, Arist von Schlippe: Stärke statt Macht.
  • Rainer Schwing, Andreas Fryszer: Systemisches Handwerk