Kinder trauern anders

Der Tod einer geliebten Person löst in einem Menschen eine tiefe Trauer aus. Auch, wenn jeder anders mit diesem Schicksalsschlag umgeht, so laufen innerlich doch beinahe immer dieselben Prozesse ab. Es handelt sich um die sogenannten Trauerphasen, die quasi jeder erwachsene Mensch in dieser Situation erlebt – wenn auch in unterschiedlicher Länge und Intensität. Viele Erwachsene gehen deshalb davon aus, dass dies bei ihren Kindern ebenfalls der Fall ist. Je kleiner das Kind bei dem Verlust jedoch noch ist, umso größer sind die Unterschiede seiner Trauer zu jener von Erwachsenen. Für die Eltern und anderen nahestehenden Personen des betroffenen Kindes ist es daher wichtig, seine Art zu trauern zu verstehen. Nur dann können sie dem Kind „richtig“ durch diese schwierige Zeit helfen.

Die Trauerphasen bei (kleinen) Kindern 

Die bereits erwähnten Trauerphasen teilen sich bei Erwachsenen in vier verschiedene Stadien: Zuerst stehen sie unter Schock, anschließend befinden sie sich in einem Gefühlschaos, dann folgt die Phase des „Suchens und Sich-trennens“ und zuletzt die Neuorientierung. Auch Kinder durchleben solche Trauerphasen, wenn sie einen geliebten Menschen verlieren, zum Beispiel ein Elternteil oder ein Geschwisterkind. Sie als Elternteil oder dem Kind nahestehende Person dürfen also nicht davon ausgehen, dass sich das Kind zwangsläufig in derselben Phase befindet wie Sie. Stattdessen kommt die Trauer bei Kindern in Schüben. Zu Beginn scheinen sie die Nachricht häufig noch sehr gut aufzunehmen. Je jünger das Kind, desto weniger versteht es den Tod in der Regel, sprich es kann noch nicht begreifen, was die Todesnachricht eigentlich bedeutet. Doch es kommt der Zeitpunkt, an welchem es – mit oder ohne Hilfe – zu begreifen beginnt. Dann kommt der Schmerz meist in heftigen sowie plötzlichen Schüben. Genauso schnell, wie diese auftreten, sind sie auch schon wieder vorbei und es scheint dem Kind gut zu gehen. Allerdings nur bis zum nächsten Schub.

Kinder haben ein anderes Verhältnis zum Tod 

Für die Eltern ergibt sich daraus häufig eine besonders schwierige Situation. Schließlich sind sie, wenn der Todesfall beispielsweise bei den Großeltern, einem Elternteil oder Geschwister des Kindes eintrat, selbst betroffen und in Trauer. Sie müssen nun also neben ihrem eigenen Schmerz auch jenen des Kindes verstehen lernen, um richtig damit umzugehen. Zwei Aspekte sind dabei besonders entscheidend:

  • Wie alt ist das Kind?
  • Ist das Kind schon einmal mit dem Tod in Berührung gekommen?

Das Alter des Kindes beeinflusst nämlich zu großen Teilen, wie das Kind den Tod wahrnimmt und dementsprechend mit dem Verlust umgeht. Erst ab etwa neun oder zehn Jahren sind Kinder in ihrer Entwicklung weit genug, um den Tod begreifen und somit auch dessen Unwiederbringlichkeit. Kleinere Kinder haben hingegen zu Beginn oft noch keine Vorstellung davon, inwiefern die Todesnachricht ihr Leben zukünftig verändern wird. Erst, wenn sie diese Veränderungen am eigenen Leib spüren, kommt zunehmend auch das Gefühl von Schmerz, Traurigkeit oder sogar Angst. Ist das Kind schon einmal mit dem Tod in Berührung kommen, sei es bei einem Haustier, im Freundeskreis oder in der eigenen Familie, kommt die Trauer oft früher. Dann nämlich ist bereits ein größeres Bewusstsein für den Tod und seine Folgen vorhanden. Ansonsten ist es Ihre Aufgabe als Mutter oder Vater, dem Kind erst einmal zu erklären, was der Tod überhaupt ist. Das muss natürlich kindgerecht geschehen.

Die andere Art der Trauer akzeptieren

Kinder unter neun bis zehn Jahren, die noch niemals mit dem Tod in Berührung gekommen sind, wirken also im ersten Moment häufig unbeeindruckt von dieser – eigentlich lebensverändernden – Nachricht. Eine Verhaltensweise, die viele Eltern oder nahestehende Person schockiert. Sie empfinden dann vielleicht eine Wut auf das Kind oder schämen sich, weil der Verlust es scheinbar nicht berührt. Das stimmt so allerdings nicht. Das Kind braucht schlichtweg mehr Zeit, um die Todesnachricht und deren Folgen zu begreifen. Es verspürt ebenfalls Trauer und ist häufig zusätzlich verstört durch sein trauerndes Umfeld. Plötzlich sind die Eltern und Geschwister nur noch am Weinen, der normale Alltag ist weg und niemand scheint so richtig die „Führung“ zu übernehmen. Aus der Perspektive des Kindes handelt es sich um eine beängstigende Situation. Viele Kinder neigen dann dazu, für ihre Eltern oder Geschwister stark sein zu wollen. Andere sind schlichtweg überfordert. Und wieder andere zeigen ihre Gefühle durch Wut oder Aggression, was für die Familie ebenfalls sehr irritierend wirken kann.

Dem Kind zumindest die Angst nehmen

Wann und wie die Trauer beim Kind ausbricht, ist also je nach Einzelfall verschieden. Doch es handelt sich, wie soeben erwähnt, immer auch um eine beängstigende Situation. Wichtig ist für die Eltern in dieser Phase daher auch, ihren Kindern diese Angst zu nehmen. Dafür können und sollten Sie schon vor dem Todesfall vorsorgen, zum Beispiel durch eine Regelung des Sorgerechts oder den Abschluss einer Lebensversicherung. So ist zumindest geklärt, wo das Kind leben wird und von welchem Geld, sodass finanzielle oder Zukunftssorgen nicht zur zusätzlichen Belastung in dieser ohnehin schwierigen Situation werden. Je weniger sich für das Kind durch den Todesfall ändert, umso besser kann es ihn verarbeiten. Es gilt also, ihm direkt bei der Todesnachricht zu erklären, wie es nun für es selbst sowie die Familie weitergehen wird.

Psychologische Hintergründe der Trauer bei Kindern

Wenn das Kind keine Angst verspürt, bleibt ihm zumindest eine negative und große „Basisemotion“ erspart. Dadurch kann es sich mehr auf die Trauer konzentrieren und diese bestenfalls schneller verarbeiten. Denn kleine Kinder können mit solchen Emotionen stets nur in einem gewissen Ausmaß fertig werden, bevor sie sich überfordert fühlen. Tritt diese Überforderung ein, hat ihr Gehirn eine Art Selbstschutzmechanismus, welcher mit Verdrängung arbeitet. Aus diesem Grund kann das Kind im einen Moment weinend zusammenbrechen und im nächsten Moment lachend spielen. Das Gehirn lässt also immer nur so viel Trauer oder eben auch Angst zu, wie das Kind in diesem Moment ertragen kann. Das bedeutet für die Eltern aber auch: Wenn das Kind gerade in der Verdrängung ist, sollten sie das akzeptieren, anstatt es ständig mit dem Thema zu konfrontieren oder die Emotionen aus ihm „herauskitzeln“ zu wollen. Damit würden sie es überfordern. Stattdessen kommt das Kind von selbst und sucht nach Trost oder Erklärungen, wenn es (wieder) dafür bereit ist. Sobald Sie als Elternteil diesen Mechanismus also verstanden und akzeptiert haben, können Sie Ihr Kind umso besser bei seiner Trauer unterstützen.

Was können und sollten Eltern tun?

Auch, wenn Sie das Verhalten Ihres Kindes im ersten Moment befremdet, handelt es sich also bei seiner Gleichgültigkeit und Zuversicht meist um ein ganz normales Verhalten. Manchmal sehen die Kinder im ersten Moment sogar das „Positive“ an der Situation und machen unangemessene Bemerkungen wie „Dann kann ich ja jetzt endlich auf seinem Platz sitzen“ über den verstorbenen Bruder…oder so ähnlich. Wenn Eltern die Trauer ihres Kindes verstehen, ist also der ganzen Familie bereits sehr geholfen. Dennoch gilt es natürlich, dem Kind den Tod verständlich zu machen und auch ein gemeinsames Abschiedsritual kann allen Beteiligten beim Loslassen helfen. Denn die Trauerfeier sowie Beerdigung sind für Kinder ebenfalls häufig noch zu abstrakt und eher Stress als eine Hilfe. Sinnvoller kann es sein, dem Kind einen eigene Form des Abschieds zu ermöglichen. Vielleicht hat es ja sogar schon eine Idee wie das Malen eines Bildes oder das gemeinsame Singen eines Liedes.

Eltern müssen den Kindern ein Vorbild sein

Es ist also wichtig, dass Sie als Mutter oder Vater die „Führung“ übernehmen und dem Kind somit auch in dieser schwierigen Situation ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Zudem müssen Sie verstehen, dass das Kind noch nie gelernt hat, wie man „richtig“ trauert. Wie bei vielen anderen Dingen auch, orientiert es sich dabei also an seinen Bezugspersonen. Die Trauer vor den Kindern zu verstecken, ist ohnehin weder möglich noch sinnvoll. Wichtiger ist stattdessen, dem Kind beizubringen, wie es mit seiner Trauer umgehen kann. Sie können gemeinsam trauern – wenn auch jeder auf seine eigene Art und Weise. Nachdem sie also verstanden haben, wie ihr Kind trauert, gibt es noch weitere wichtige Dinge, die Eltern wissen und tun sollten, um ihm dabei zu helfen.

Bild 1: stock.adobe / ©Aleksey
Bild 2: stock.adobe / ©esthermm