Wieviel Wahrheit verträgt ein Kind –

wie Eltern gut mit ihren Kindern über die aktuelle Situation sprechen können.

3. Teil der Serie „Familienthemen in Zeiten von Corona“

Ein Beitrag von Birgit Berthold
Lesezeit ca 4 Min. plus Videos

Das sind einige Fragen, die Familien in den letzten Wochen an mich gerichtet haben:

  • Machen Informationen den Kindern eigentlich Angst oder nehmen sie ihnen die Angst?
  • Sollte ich den Radiosender wechseln, wenn mal wieder nur über Corona geredet wird?
  • Sollte ich vor den Kindern so tun, als ob alles gut sei?
  • Kann ich meinem Kind sagen, dass es bald wieder in den Kindergarten gehen darf, obwohl ich das selbst nicht weiß?
  • Soll ich lieber nicht sagen, dass wir den Urlaub schon storniert haben, um mein Kind nicht zu enttäuschen?
  • Ich habe mich heimlich mit einer Freundin getroffen und mein Kind dann angelogen – ist das ok?

Wie können wir unseren Kindern erklären, was wir selbst nicht wissen? Wieviel Wahrheit verträgt und braucht ein Kind?

Wir sind alle Neulinge, was Pandemien betrifft. Wir sind alle Neulinge, was Isolation und social distancing betrifft. Niemand von uns weiß, wie es genau weiter gehen wird. Wie soll man mit Kindern dann darüber sprechen? Darum soll es heute gehen. Es geht um gute Kommunikation in Familien – gerade zu Zeiten von Corona.

Irmela Wiemann (eine Familientherapeutin aus Frankfurt, die viel mit Adoptivfamilien gearbeitet hat) schreibt „Es gibt kaum etwas, was wir Kindern nicht sagen können. Doch wir müssen dosiert, liebevoll und sanft dabei vorgehen.“. Belastend sind für Kinder bestimmte Themen vor allem dann, wenn sie die Erwachsenen selbst sehr belasten, wenn Eltern damit selbst nicht gut zurechtkommen. Es hängt alles sehr davon ab, wie die Eltern mit dieser Wahrheit umgehen können. Natürlich müssen Sie als Eltern alle Inhalte in kindliche Sprache, in kindliche Bilder und Wirklichkeiten „übersetzen“.

Es ist für mich sehr nachvollziehbar, warum Eltern ihren Kindern, die Wahrheit lieber vorenthalten. Ich gehe davon aus, dass es für jedes Verhalten gute Gründe gibt. diese können sein:

  • dem Kind nicht weh tun zu wollen
  • dem Kind keine Sorgen bereiten zu wollen
  • weil mir selbst die Worte fehlen
  • weil ich mich selbst nicht damit auseinandersetzen will, usw.

Doch das hat nur sehr kurzfristige Effekte: das Kind hört für den Moment auf zu fragen oder wird nicht enttäuscht. Langfristig gefährdet dieses Verhalten nicht nur Vertrauen, Ihre Glaubwürdigkeit, sondern wirkt auf Kinder wie die Botschaft „es ist okay, nicht die Wahrheit zu sagen, wenn man nur gute Gründe dafür hat.“ Einzig und allein Aufrichtigkeit stärkt Vertrauen!

Es gibt zwei entscheidende Voraussetzungen für ein gutes Gespräch zwischen Eltern und Kindern zu schwierigen Themen.

  1. eine gute Beziehung zum Kind
  2. die innere Haltung des Erwachsenen.

Was heißt das? Bevor ich über schwierige Themen spreche, sollte ich mir Zeit nehmen, um in die Beziehung, die Stimmung zu investieren: zuhören, auch wenn das Kind sich wiederholt, über Alltagsdinge sprechen, die das Kind interessieren, das Kind ernst nehmen, zusammen schöne Dinge machen. DANN sind auch schwierige Gespräche möglich und ich kann als Eltern leichter sagen „das wird noch dauern bis du deine Freunde im Kindergarten wiedersiehst“, „das kann niemand sagen, ob wir krank werden“, „ich weiß es nicht, ob wir dieses Jahr baden gehen können, vielleicht können wir das nicht.“

Ein paar Beispiele:

  • Sprechen Sie das Thema in einer guten Atmosphäre ruhig aktiv an: Wieviel und was weiß ihr Kind, wo ist es noch unsicher? Hören Sie zu!
  • Wenn ein Kind Fragen stellt, hat es das Recht darauf, eine ehrliche, aber kind- und altersgerechte Antwort zu bekommen.
  • Hören Sie sich auch die Sorgen ihres Kindes an (auch wenn diese aus Erwachsenensicht unbegründet sind). Lassen Sie ihr Kind zu Ende erzählen.
  • Wenn Sie selbst nicht aufhören können z.B. über das Thema Corona, die Ausgangsbeschränkungen, die Zukunft nachzudenken, ist ihr Kind nicht der richtige Ansprechpartner.
  • Wenn Sie selbst gestresst sind, weil die Zeit der Isolation beispielsweise schon lange andauert, ist es durchaus sinnvoll, dem Kind zu sagen „ich habe heute schlechte Laune, weil ich hier so viel zu tun habe/ ich nicht in die Arbeit gehen kann/ der Kindergarten geschlossen ist/ wir so wenig Platz haben. Das hat aber gar nichts mit dir zu tun.“ Das Kind hat Klarheit und wird entlastet.
  • Wenn Sie selbst traurig sind und sich Sorgen machen, kann es hilfreich sein, dem Kind zu sagen „ich mache mir Sorgen, um Oma und Opa, aber du musst mir nicht helfen deswegen, ich spreche nachher nochmal mit xy darüber, ich kriege das schon hin.“ Auch das entlastet und nimmt die Kinder aus der Verantwortung.
  • Ab Kindergartenalter sind folgende beispielhafte Formulierungen hilfreich: wie „die meisten Leute werden nicht schwer krank, das ist für sie wie eine Erkältung so ungefähr wie du sie im Winter hattest“, aber auch „für ältere Leute, also Omas und Opas, kann das Virus schon schlimmer sein“, „wenn jemand sehr krank ist, wird er im Krankenhaus behandelt und übernachtet dort wahrscheinlich ein paar Tage“
  • Erklären Sie den Kindern die aktuellen Maßnahmen so: DAS wird ALLES getan, um das Virus zu STOPPEN.
  • Kinder lieben Selbstwirksamkeit und gehen besser mit Situationen um, wenn SIE SELBST etwas beitragen können (Hände waschen, Abstand halten etc.).
  • Wenn Sie die Antwort nicht wissen, geben sie das ruhig zu, Vielleicht können Sie jemanden anrufen, der mehr dazu weiß.

 

„Ja soll ich jetzt den Radiosender wechseln, wenn mal wieder nur über Corona geredet wird?“

Ja! Bitte! Noch wichtiger: machen sie den Fernseher aus, unterbinden sie stundenlanges Verweilen auf youtube oder in sozialen Medien etc. Zu viele und repetitive Informationen sind beunruhigend. Wenn (bitte nur) ältere Kinder Nachrichten oder Videos anschauen, sollte immer ein Elternteil dabei sein. Minimieren Sie ggf. auch Ihren Medienkonsum.

Es ist übrigens immer möglich, zu einem Kind zu sagen „Es tut mir leid. Ich habe mich vorhin getäuscht, ich habe das falsch formuliert. Lass es mich nochmal richtiger erklären.“

Alles ist schwierig, bevor es leicht wird. (Saadî)

Herzlichst

Birgit Berthold

Dipl. Psychologin
Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin

www.birgitberthold.de

Zwei sehr kurze Videos, die ich sehr empfehlen kann und die man mit Kindern zusammen anschauen kann:

„Was ist Corona“ (ab Kindergartenalter)
Dauer 2 Minuten

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„Psychische Folgen von Corona und was zu tun ist“ (ab Schulalter)
Dauer 3 Minuten

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Ich bin Diplom Psychologin und Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin.
Ich bin Diplom Psychologin und Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin.
Das klingt kompliziert. In leichter Sprache heißt das: Zu mir kommen Menschen mit kleineren und größeren seelischen Problemen. Individuen, Paare und auch ganze Familien.
Zum Beispiel, wenn sie Angst haben oder wenn sie sich sehr traurig fühlen oder wenn sie viel Streit haben oder gar nicht mehr miteinander reden. Kurz: Wenn bestimmte Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen ihr Leben negativ beeinträchtigen.
Wir sprechen darüber und suchen gemeinsam eine Lösung. Damit es wieder besser wird.

Quellen:

  • Irmela Wiemann: Wie viel Wahrheit braucht mein Kind: von großen Lügen, kleinen Lasten und dem Mut zur Aufrichtigkeit in der Familie.
  • Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhifel. Papier „COVID-19: Tipps für Eltern“
  • UNICEF: Papier „Coronavirus (COVID-19): Wie soll man mit Kindern darüber sprechen?“