Paar-Sein in Zeiten von Corona: Kriegen wir das zusammen hin?

Wie ein Virus, Shutdowns und Distancing unsere Paarbeziehung beeinflussen.

4. Teil der Serie „Familienthemen in Zeiten von Corona“

Ein Beitrag von Birgit Berthold
Lesezeit ca 4 Min.

Eines ist sicher: Eine Krise bringt meist mehr Trennungen, mehr Scheidungen, mehr Heiratsanträge und – ein knappes Jahr später – mehr Kinder als im Durchschnitt mit sich.

Das ist kein Witz. In Amerika gibt es dazu sogar wissenschaftliche Studien, die Paarbeziehungen längere Zeit begleitet und erforscht haben, z.B. nach Hurricanes.

Es ist eine Herausforderung, mit unseren eigenen Gedanken und Gefühlen zurechtzukommen. Paare müssen sich nicht nur mit den eigenen Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen, sondern auch mit denen des Partners auseinandersetzen.

Da gibt es …

  • diejenigen, die unter Stress zur Hochform auflaufen – und diejenigen, die so sehr unter der Situation leiden, dass sie zu nichts mehr in der Lage sind.
  • Diejenigen, die Planung brauchen, um sich sicher zu fühlen – und diejenigen, die den Stillstand wollen.
  • Diejenigen, die die Ruhe und Isolation genießen – und diejenigen, die darunter fast zerbrechen.
  • Diejenigen, die stark an ihrem bisherigen Lebensstil festhalten – und diejenigen, die Veränderungen anstreben.
  • Diejenigen, die Toilettenpapier horten … okay, Spaß beiseite.

Wir haben in der Regel unterschiedliche Strategien, um mit den Themen des Lebens fertig zu werden – egal, ob wir seit ein paar Monaten oder seit vielen Jahren ein Paar sind. Das ist gut so, das macht uns ja interessant füreinander, das erweitert das Spektrum unserer Möglichkeiten. In einer Krise dagegen, kann diese Diskrepanz zum Streitthema werden, weil unsere Toleranz dem Partner gegenüber sinkt.

Wenn es eng wird, halten wir UNSEREN WEG für den richtigen und urteilen oft unfair dem Partner gegenüber.

Wenn es darum geht, eine neue, eine schwierige Situation zu bewältigen, urteilen wir pauschal. Je komplizierter, je anstrengender, je schmerzlicher es wird, desto eher denken und sagen wir Sätze wie:

„So wie ICH es mache ist es richtig!“
„Du bist zu leichtsinnig“ – „Nein, DU bist übervorsichtig!“
„Wieso ziehst du nicht an einem Strang mit mir?“

Wenn es schwierig wird, wenn es existenziell wird, gehen wir in „alte“ Muster zurück. Jennifer Senior (eine New Yorker Autorin) schreibt „das Coronavirus könnte der ultimative Stresstest für Paare werden“. Wir aktivieren unabsichtlich das, was wir kennen, das was schon mal war – ganz unabhängig davon, ob das JETZT hilfreich ist oder nicht. Wir aktivieren nicht nur das individuelle FRÜHER, sondern auch das FRÜHER der BEZIEHUNG.

Das kann so aussehen:

„Du hast mich damals schon so verletzt oder enttäuscht als du….“

„Genauso ist das jetzt, wenn ich dir nicht vertrauen kann / du mir meinen Freiraum nicht lässt / du mich mit all dem Zeug zuhause allein lässt / du mir immer noch mehr und mehr aufbürdest /…“.

„Fallen der Beziehung“, die noch von früher rumstehen und nicht sorgfältig entschärft wurden, werden wieder gefährlich für die Beziehung.

Typischerweise halten wir dann Positives in unserer Beziehung für selbstverständlich und überbewerten Negatives. Wir übersehen, dass der Partner seit einer Woche abends die Kinder ins Bett bringt und geraten in einen furchtbaren Streit wegen unaufgeräumten Schuhen. Wir vergessen den schönen Nachmittag und ärgern uns über eine offen gelassene Toastpackung am Abend.

Es ist (natürlich in einem angemessenen Rahmen) GUT, dass wir verschiedene Herangehensweisen haben, um mit neuen Herausforderungen und Krisen umzugehen.

Wer denkt, dass es nur einen richtigen Weg gibt, liegt meistens falsch und wiegt sich in „falscher Sicherheit“ (so sieht es Esther Perel – DIE Paartherapeutin überhaupt – übrigens auch aus New York). Unterschiedlichkeit ist eine Stärke, keine Bedrohung! Die andere Seite kann POTENZIELL genauso Recht haben wie ich. Wenn zwei Menschen, die in einem System leben, ein breiteres Gedanken- und Verhaltensrepertoire haben, dann erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass eine Krise erfolgreich bewältigt werden kann. Das ist das, was in der Psychologie als Resilienz bezeichnet wird. Wenn mein Partner eine andere Sichtweise oder Herangehensweise in diesem absoluten Neuland der Pandemie hat, dann KANN das eine Stärke für uns als Paar sein.

WAS? Kann jetzt jeder Partner einfach machen was er will und das soll gut sein?

Natürlich nicht und so einfach ist es ja auch nicht. Bea Arthur (eine Psychotherapeutin aus… genau, New York) betont, dass es

  1. entscheidend ist, ob ich die Perspektive meines Partners grundsätzlich RESPEKTIEREN kann und dass ich
  2. den Mut habe, meine eigenen GRENZEN zu artikulieren, ohne meinen Partner zu verletzen.

Wie kann das konkret aussehen? Ich könnte meine eigenen Grenzen wahren ohne meinen Partner zu verletzen, indem ich sage:

  • „Es macht mich gerade nervös, wenn du mir von Infektionszahlen/ Übertragungswegen/ neuen Verordnungen/ usw. berichtest. Ich brauche heute Abstand von dem Thema. Das ist nicht gegen dich gerichtet.“
  • „Es wird mir hier gerade zu eng/ zu viel. Ich brauche etwas Luft. Ich gehe heute/ abends/ usw. allein spazieren. Ich will dich aber damit nicht verletzen oder wegstoßen.“

Zum Schluss: Erwarten Sie nicht zu viel von ihrem Partner – er oder sie ist auch nur ein Mensch.

Das klingt witzig, ich meine es aber ernst: Wir sind seit Wochen und für Wochen oder Monate an wenige Personen im wahrsten Sinne des Wortes gebunden. Unser Partner ist in Zeiten der Ausgangsbeschränkung und des home offices, der geschlossenen Schulen und Kitas: unser Freund, unser Kummerkasten, Kollege, der zweite Elternteil, unser Liebhaber, unser Sportkumpane, unser Küchenassistent und der zweite Hausmeister in den vier Wänden. Niemand kann alle Erwartungen immer erfüllen und mit Leichtigkeit alle Rollen ausfüllen.

Wie man sich als Paar gut abstimmen kann, wie man eigene Grenzen und Tabus artikuliert, ohne den anderen zu verletzen, und alte Stolperfallen nicht aktiviert, lesen Sie in Teil 5 dieser Serie.

Alles ist schwierig, bevor es leicht wird. (Saadî)

Herzlichst
Birgit Berthold

Dipl. Psychologin
Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin

www.birgitberthold.de

Aus Gründen der Lesbarkeit wurde im Text die männliche Form gewählt, nichtsdestoweniger bezieht sich der Text auf männliche und weibliche Partner in jeglicher Konstellation sowie Paare mit und ohne Kinder.

Geht es nicht nur um Konflikte, sondern um Gewalt:

  • Hotline Gewalt gegen Frauen“ (0800/ 11 60 16)
  • Online-Beratung hilfetelefon.de
Ich bin Diplom Psychologin und Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin.
Ich bin Diplom Psychologin und Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin.
Das klingt kompliziert. In leichter Sprache heißt das: Zu mir kommen Menschen mit kleineren und größeren seelischen Problemen. Individuen, Paare und auch ganze Familien.
Zum Beispiel, wenn sie Angst haben oder wenn sie sich sehr traurig fühlen oder wenn sie viel Streit haben oder gar nicht mehr miteinander reden. Kurz: Wenn bestimmte Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen ihr Leben negativ beeinträchtigen.
Wir sprechen darüber und suchen gemeinsam eine Lösung. Damit es wieder besser wird.

Quellen:

  • Catherine L. Cohan & Steve W. Cole: Life Course Transitions and Natural Disaster: Marriage, Birth, and Divorce Following Hurricane Hugo.
  • Bea Arthur sinngemäß aus dem Artikel „How To Navigate the Pandemic When You And Your Partner Have Different Coping Styles“
  • Jennifer Senior: Welcome to Marriage During the Coronavirus.“
  • Esther Perel: Letters From Esther 9: Life and Love Under Lockdown.
  • PODCAST: https://www.tenpercent.com/podcast/: #236: Love in the Time of COVID