Paar-Sein in Zeiten von Corona: Kannst du mir bitte mal aus dem Weg gehen?

Die Notwendigkeit von Grenzen und Abgrenzung.

5. Teil der Serie „Familienthemen in Zeiten von Corona“

Ein Beitrag von Birgit Berthold
Lesezeit ca 4 Min.

Ich wurde neulich gefragt, ob Paare sich in Zeiten der Isolation eigentlich (wieder) näher kommen oder, ob es eher mehr Streit und Trennungen gibt. Meine Antwort: Wahrscheinlich beides.

Heute geht es um Paare, die die Zeit des Shutdowns und der Ausgangsbeschränkung zusammen in einem Haushalt verbringen. Um diejenigen also, die momentan unglaublich viel Zeit zusammen verbringen (müssen). Mit oder ohne Kinder.

Während manche Paare in den letzten Wochen eine angenehme neue (oder alte), intensive Nähe erfahren haben, leiden andere unter dem mangelnden Raum für Privatheit und Intimsphäre.

Dabei können ambivalente, also gespaltene, Gefühle entstehen: Einerseits ist mir das alles zu nah, andererseits sind meine Kontakte extrem reduziert. Einerseits sehnen wir uns nach Verbindung und erleben gleichzeitig zu viel Nähe. Was passiert in unseren Beziehungen dabei eigentlich?

  1. Man bekommt viel von dem anderen mit, was man sonst eben nicht mitbekommt.
  • „Du arbeitest ja gar nicht, du surfst ja nur rum.“
  • „Ach, private Telefonate fallen also auch unter home office?“
  • „Solange dauert es ja gar nicht, alles zu bügeln.“
  • „Wie viel Süßigkeiten isst du eigentlich jeden Tag?“ (austauschbar durch Kaffee, Wein usw.)
  1. Man hat sich Tag und Nacht.

Die New Yorker Paartherapeutin Esther Perel hat den Satz geprägt „Kann man Verlangen haben nach etwas, das man bereits hat?“ (Can you desire what you already have?). Diesen Satz finde ich gerade jetzt sehr treffend, im Sinne von:

  • „Wenn ich dich den ganzen Tag sehe – wie kann ich mich da auf dich freuen?“

Oder andersherum:

  • „Wenn mein Partner mich den ganzen Tag um sich hat: Wie kann ich ihm dann nicht auf die Nerven gehen?“

Die Perspektive zu wechseln, bringt oftmals ein neues Verständnis. Ich erkenne in dem Moment meine eigene Verletzlichkeit an. Und sage nicht nur: „Du machst mich wütend!“, sondern: „Mache ich dich etwa auch wütend? Nerve ich dich auch? Will ich das?“.

  1. Unsere Rollen und Identitäten verwischen, alles verschwimmt ineinander.

Vieles geht ineinander über. Ich bin zuhause all das, was ich sonst an vielen Orten und in vielen Kontexten bin. Esther Perel (Sie merken, das ist wirklich meine Lieblingstherapeutin) sagt dazu „All die Rollen, die wir im Leben spielen, finden an einem Ort, in einem Stuhl, am Küchentisch statt“ („All our roles in our life happen in the same place, the same chair, at the kitchen table.“). Was ist damit gemeint? Normalerweise wechseln wir Orte, Kleidung, Verhaltensweisen, wenn wir eine Rolle wechseln. Nun sind wir Mama, Ehefrau, Kollegin, Lehrerin, Freundin, Tochter usw. an ein und demselben Ort! ZU HAUSE. Es gibt keine Arbeitswege, keine Abholzeiten, keine wechselnden Gruppen, die diese Rollen voneinander abgrenzen. Unsere Identitäten sind es aber eigentlich gewöhnt, mit bestimmten Orten verbunden zu sein. In der Psychologie nennt man das „contextual shift“.

Wir brauchen aber Grenzen, Abgrenzungen, in uns und um uns herum. Klare Linien und Hinweise, die uns Orientierung geben und Raum machen für Zeit für mich, Zeit als Paar und Zeit als Familie.

 

Damit ist die Frage erlaubt: Darf man sich in der eigenen Wohnung voneinander abschotten?

Ja. Bitte. Nennen Sie es aber nicht abschotten, sondern für sich selbst sorgen. Seien Sie achtsam sich selbst und dem Partner gegenüber. Eines der besten Mittel, um nicht die Nerven zu verlieren, ist meiner Meinung nach, gut für eigene Räume und Zeiten zu sorgen. Das zeigt meine Arbeit mit Familien auch zu Nicht-Corona-Zeiten. Nur wer gut für sich selbst sorgt, kann gut für andere da sein.

„Und wie soll das funktionieren – ich kann weder Mann noch Kinder rauswerfen, außerdem haben wir eine kleine Wohnung.“

  1. Der erste Schritt ist es, sich selbst überlegen: Was brauche ich.
    Gute Fragen, die ich mir selbst stellen kann, wären:
  • Was ist Raum für mich? Was bedeutet das für mich?
  • Brauche ich Raum oder Kontakt?
  • Welche Zeit brauche ich für mich: feste Zeitfenster oder die Möglichkeit spontan etwas für mich zu tun?
  • Brauche ich Raum, im wahrsten Sinne des Wortes? Einen Raum, der dann für einen Moment nur mir gehört? Einen festen Platz in der Wohnung, der für mich da ist – und wenn es nur eine kleine Ecke ist.
  1. Der zweite Schritt: Möglichst offen und klar, aber respektvoll, darüber sprechen:

Gute Sätze, die ich zu meinem Partner sagen kann, wären:

  • „Ich habe im Moment nichts zu geben, ich kann gerade nicht mehr. Ich brauche Zeit / Raum für mich. Das ist nicht gegen dich.“
  • „Das liegt nicht an dir als Person, sondern an der Tatsache, dass wir uns im Shutdown befinden – deshalb bin ich gestresst.“
  • „Ich bin es nicht gewöhnt bin, dass wir so viel Zeit zu zweit verbringen. Ich, weil ich ICH BIN, brauche Raum – nicht weil ich dich nicht will.“
  1. Der dritte Schritt: Kehren Sie wieder. Kommen Sie zurück.
  • Wenn Sie derjenige sind, der eine Pause oder Abstand braucht und Ihr Partner darüber nicht erfreut ist, dürfen Sie trotzdem für sich sorgen. Wichtig ist dann nur, dass SIE auch derjenige sind, der zurückkommt und wieder für Kontakt sorgt. Sonst entstehen Fronten (einer hält fest – einer zieht weg) und ungute, ungewollte Muster in der Beziehung.

Eine Anekdote aus meiner therapeutischen Tätigkeit habe ich noch zum Thema:

Ich stelle Paaren gerne die Frage „Was sind 3 Sachen, die SIE gut und gerne für ihren PARTNER tun könnten, damit er oder sie sich in der Beziehung wohler fühlt?“.

Das ist für Paare oft sehr überraschend, weil man ja eigentlich gewöhnt ist, dass man gefragt wird „was wünschen SIE sich, dass ihr Partner für SIE tut.“ Die Perspektive zu wechseln und zu überlegen „hmm, was kann ICH für DICH denn tun“ – das ist schön für beide. Meistens sind es die einfachen Ideen, die ankommen: Lange Umarmungen (noch besser: mit geschlossenen Augen!), Kaffee ans Bett, Blumen, zuhören statt Lösungen suchen, ein freier Nachmittag für einen.

Das würde dann bedeuten: „Ich mache das für dich, dir zuliebe. Und ich sehe, dass du auch viel für mich tust, mir zuliebe.“

Wichtig ist nur: Fragen Sie ihren Partner bitte vorher, ob das auch wirklich zu seinem Wohlbefinden beiträgt. Sonst geht das Ganze nach hinten los und Sie mühen sich in die falsche Richtung ab.

Der Vollständigkeit halber: Und was ist mit den Paaren, die getrennt leben, mit Fernbeziehungen, mit Affären, offenen Beziehungen und Singles? Das ist einfach ein eigenes, anderes Thema – ein Artikel, der noch nicht geschrieben ist. Das nächste Mal geht es wieder mehr um Familien mit Kindern, um das Alltagschaos in Zeiten von Corona und – sonst wäre es ja wenig hilfreich darüber zu schreiben – um Wege aus dem Chaos.

Alles ist schwierig, bevor es leicht wird. (Saadî)

Herzlichst
Birgit Berthold

Dipl. Psychologin
Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin

www.birgitberthold.de

Aus Gründen der Lesbarkeit wird im Text die männliche und weibliche Form abwechselnd gewählt.  Der Text bezieht sich auf männliche und weibliche Partner in jeglicher Konstellation sowie Paare mit und ohne Kinder.

Ich bin Diplom Psychologin und Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin.
Ich bin Diplom Psychologin und Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin.
Das klingt kompliziert. In leichter Sprache heißt das: Zu mir kommen Menschen mit kleineren und größeren seelischen Problemen. Individuen, Paare und auch ganze Familien.
Zum Beispiel, wenn sie Angst haben oder wenn sie sich sehr traurig fühlen oder wenn sie viel Streit haben oder gar nicht mehr miteinander reden. Kurz: Wenn bestimmte Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen ihr Leben negativ beeinträchtigen.
Wir sprechen darüber und suchen gemeinsam eine Lösung. Damit es wieder besser wird.

Quellen:

  • Brené Brown: Daring Greatly – How the Courage to Be Vulnerable Transforms the Way We Live, Love, Parent, and Lead.
  • Esther Perel: Mating in captivity. & Letters From Esther 9: Life and Love Under Lockdown.
  • John Gottman: The Relationship Cure.
  • PODCAST: https://tim.blog/2020/04/02/esther-perel-relationships-in-quarantine/: #418: Tactics for Relationships in Quarantine
  • PODCAST: https://www.tenpercent.com/podcast/: #236: Love in the Time of COVID