Mein Kind benimmt sich zur Zeit anders als sonst…

hat das was mit Corona zu tun?

1. Teil der Serie „Familienthemen in Zeiten von Corona“

Ein Beitrag von Birgit Berthold
Lesezeit ca 4 Min.

Das Verhalten von Kindern ist nicht selten ein Rätsel für Eltern. Heute möchte ich dabei helfen, durch psychologische Erklärungen das Verhalten der Kinder etwas verständlicher zu machen: es zu übersetzen sozusagen.

Das Wichtigste Vorneweg: Wenn man nur das Verhalten des Kindes betrachtet, tut man ihm oft Unrecht. Besser ist es, die Bedürfnisse, die dahinter liegen zu erkennen!

Wenn Ihr Kind sich also momentan etwas anders verhält als sonst oder wieder so wie „früher“, ist es durchaus möglich, dass das an der veränderten Situation liegt. Ich bin fest davon überzeugt, dass Kinder sowieso spüren, dass etwas nicht stimmt. Auch kleine Kinder bekommen mit, dass sich unser Alltag geändert hat: dass die Eltern vielleicht in Sorge sind, mehr arbeiten, zuhause arbeiten und viel telefonieren, der Tagesablauf anders ist als sonst, alle immer zuhause sind, die Großeltern nur noch telefonisch kontaktiert werden dürfen usw.

Die momentane Zeit des Shutdowns, der „unsichtbaren Bedrohung“, des Verzichts geht nicht unbemerkt an Kindern vorbei.

Das kann sich zeigen in Nervosität, Anhänglichkeit, aggressivem Verhalten, Trennungsängsten, Ein- oder Durchschlafproblemen, Babysprache, Einnässen, Bauchschmerzen, verminderter Konzentration usw.

Es ist sehr wichtig für Eltern, das zu bedenken. So fällt man weniger in Erklärungsmuster wie „es ist sowieso schon so schwierig, jetzt benimmt sich auch mein Kind noch schlecht“ oder ängstigt sich mit Gedanken wie „leidet mein Kind so sehr, ist es deshalb so ruhig?“. Eltern können dann sagen „Es IST anders. Es IST eine Herausforderung für uns alle. Ich verstehe, dass sich das im Verhalten meines Kindes zeigt.“

Für verändertes Verhalten der Kinder gibt es verschiedene Erklärungen, hier eine Auswahl an Möglichkeiten, die ich für wahrscheinlich halte:

  1. Die Kinder sind einfach unsicher, was eigentlich los ist. Sie haben zu wenig Informationen oder können diese nicht richtig einordnen. Sie wissen nicht (übrigens genauso wenig wie wir Erwachsenen) wie es weitergehen wird.
  2. Sie haben vielleicht Angst. Sie sehen Bilder von Krankenhäusern, von Menschen mit Schutzmasken, von Toten und leeren Städten. Sie hören Zahlen, die sie nicht verstehen.
  3. Unbefriedigte körperliche Bedürfnisse.
    – Gerade bei Kindern ab dem Kindergartenalter – und noch viel mehr im Schulalter – ist körperliche Bewegung im Freien unglaublich wichtig. Herbert Renz-Polster (ein großartiger Kinderarzt und Wissenschaftler) und Gerald Hüther (ein ebenso großartiger Hirnforscher) schreiben „Natur ist für Kinder so essenziell wie Ernährung“.
    – A propos „Essen und Trinken“: Hunger setzt Stresshormone frei. Zu viele Süßigkeiten führen zu einem drastischen Abfall des Blutzuckerspiegels: dies kann zu Anspannung und Aggression führen. Eine ausgewogene Ernährung, gut verteilt über den Tag, regt die Ausschüttung des stimmungsstabilisierenden Hormons Serotonin an und bringt uns in Balance.
    – Und bei Kindern immer wichtig ist das Thema Schlaf: Wenn die strukturgebenden Instanzen wie Schule, Kindergarten, Ballett und Fussballtraining usw., wegfallen, ist es trotzdem wichtig, den gesunden Biorhythmus der Kinder beizubehalten. Es ist hilfreich, regelmäßige Schlaf- und Wachzeiten beizubehalten.
  4. Neben Hunger gibt es auch sogenannten „psychischen Hunger“, also unbefriedigte psychische Bedürfnisse oder vielleicht können wir das auch Langeweile nennen. Damit meine ich nicht die Langeweile, die uns zur Ruhe kommen lässt, die Kreativität erst ermöglicht, sondern zu wenig Anregung und Ansprache. Zu leicht werden Kinder – aus durchaus nachvollziehbaren Gründen – mit Handys, TV und Spielekonsolen geparkt. Das Verhalten, das Kinder dann zeigen (und das von Eltern oft als „schlechtes Benehmen“ bezeichnet wird) ist manchmal Reizüberflutung, oft aber einfach Anregungs- und Ereignishunger.
  5. Übertragung des elterlichen Stresses und der elterlichen Angst: Dazu gibt es sehr viel zu sagen. Dazu wird es bald einen eigenen Artikel geben. Heute nur so viel: Das Verhalten unserer Kinder ist oftmals ein Thermometer für die Gefühle und Zustände der Eltern. Kinder sind in der Lage in Millisekunden die emotionale Stimmung ihrer Bezugspersonen wahrzunehmen.
  6. Wenn gutes Benehmen keinen Effekt hat, ist es logisch, dass ein Kind die andere Variante ausprobiert.

Was können Eltern tun?

Neben ausreichend Bewegung an der frischen Luft, gesunder Ernährung, Abwechslung zwischen aktiven und ruhigen Tätigkeiten, einer angemessenen Schlaf- und Wachzeit ist vor allem Folgendes hilfreich: Sie wissen, dass es schwierige Umstände sind, das spürt und zeigt auch ihr Kind. Das ist in Ordnung und erstmal normal. Alle Gefühle sind grundsätzlich erlaubt. Das Verhalten des Kindes ist ein Spiegel seiner Gefühle und Bedürfnisse. Hören Sie ihren Kindern aktiv zu und „entschlüsseln“ Sie seine Botschaften. Bleiben Sie ruhig, seien Sie verständnisvoll, ohne überfürsorglich zu werden. Reden Sie mit Ihren Kindern über das Virus und die aktuelle Situation – altersgemäß. Strukturieren Sie ihre Tage – ohne überhöhte Erwartungen. Planen Sie bewusst schöne Momente ein (z.B. ein bestimmtes Essen, einen Spaziergang, gemeinsam Radfahren, ein Kartenspiel). Halten Sie Zusagen besonders jetzt ein: seien Sie berechenbar und verlässlich. Aber versprechen Sie nichts Unmögliches.

Ich höre zurzeit sehr oft von Eltern: „Mein Kind flippt total aus!“

Dazu möchte ich gerne noch sagen: Ein Kind, das einen echten Stressausbruch hat, erlebt wahren Schmerz und braucht Ihre Unterstützung: Ruhe, Verständnis, Mitgefühl, keine Erklärungen, kein time-out sondern time-in, vielleicht Körperkontakt, vielleicht auch nicht. Aber immer DA-SEIN.

Wutanfälle aus Jähzorn dürfen Sie ignorieren. Damit senden Sie die Botschaft „ich reagiere nicht auf dein bockiges Verhalten – weder befolge ich deine Kommandos, noch schimpfe ich dich“. Dadurch wird jähzorniges Verhalten wirkungslos und verschwindet am ehesten wieder. Sollte Jähzorn aber in echten Kummer übergehen, werden Sie wieder Unterstützer für ihr Kind. Das klingt kompliziert und anstrengend. Und manchmal ist es das auch!

Und etwas sehr Wichtiges zum Schluss: Margot Sunderland sagt „Es ist Ihre Aufgabe, Ihrem Kind bei der gesamten Bandbreite seiner Gefühle beizustehen. (…) Damit Sie ausgeglichene, liebende, mitfühlende Eltern sein können, müssen Sie gut auf sich achten.“

Ich möchte ergänzen: Nicht nur in Zeiten von Corona – sondern gerade dann! Dazu mehr demnächst.

Alles ist schwierig, bevor es leicht wird. (Saadî)

Herzlichst

Birgit Berthold

www.birgitberthold.de

Ich bin Diplom Psychologin und Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin.
Ich bin Diplom Psychologin und Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin.
Das klingt kompliziert. In leichter Sprache heißt das: Zu mir kommen Menschen mit kleineren und größeren seelischen Problemen. Individuen, Paare und auch ganze Familien.
Zum Beispiel, wenn sie Angst haben oder wenn sie sich sehr traurig fühlen oder wenn sie viel Streit haben oder gar nicht mehr miteinander reden. Kurz: Wenn bestimmte Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen ihr Leben negativ beeinträchtigen.
Wir sprechen darüber und suchen gemeinsam eine Lösung. Damit es wieder besser wird.

Quellen:
Arist von Schlippe: Werkstattbuch Elterncoaching.
Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther: Wie Kinder heute wachsen.
Herbert Renz-Polster: Kinder verstehen.
Margot Sunderland: Die neue Elternschule.

Wichtige Notfallnummern (kein Anspruch auf Vollständigkeit):
Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 116 117
Kinder- und Jugendtelefon: 088 111 0 333
Elterntelefon: 0800 111 0 550
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 0800 116 016