Digitale Hysterie

Wie viel Computer darf es sein?

Teene sitzt mit Tablet auf dem Boden

Psychotherapeut Georg Milzner rät zu einem entspannteren Umgang

Von Christine Schniedermann

 

Bei vielen Eltern, Erziehern und Lehrern löst das Wort „Computerspiel“ schnell verächtliches Naserümpfen oder einen Kommentar wie „Computerspiele sind Zeitverschwendung, machen dumm und aggressiv.“ aus. Viele Erwachsene halten Computerspiele für gefährlich in Bezug auf Suchtverhalten oder Verwahrlosung. Hört man sich um, sprechen Eltern selten positiv über Computerspiele. Dass ihre Kinder hin und wieder spielen dürfen, entschuldigen sie oftmals mit folgenden Sätzen: „Wenn er bei uns nicht spielen darf, spielt er bei Nachbarn.“ oder „Ich brauchte kurz Ruhe, da habe ich sie eben spielen lassen.“

Der Münsteraner Psychotherapeut und Autor des Buches „Digitale Hysterie“ (Beltz), Georg Milzner, plädiert für einen lässigeren Umgang mit dem Thema. Milzner fragt sich, wie viel der Ablehnung darauf zurückzuführen ist, dass die Erwachsenen „keinen Schimmer“ von Computerspielen haben. Georg Milzner arbeitet seit Jahren mit Kindern und Jugendlichen und erforscht den Einfluss der digitalen Medien. Für das Buch hat er selbst viele Spiele gespielt, um sich ein Bild zu machen. Dabei beschreibt er die Unterschiedlichkeit der Spiele. So sei ein „Ego-Shooter“-Spiel, bei dem der Spieler aus seiner (Ich-) Perspektive in einer dreidimensionalen Spielwelt Gegner bekämpft, etwas ganz anderes als ein Autorennen oder Fantasy-Feen-Spiel. Daher rät Milzner davon ab, alle Computerspiele über einen Kamm zu scheren. Auch der Zusammenhang zwischen dem Gewaltpotenzial von Computerspielen und heutigen Amokläufen sei nicht zwingend herzustellen. Wenn dies so wäre, schreibt Milzner, „dann müsste es in der Türkei oder Italien sehr viel mehr Amokläufe geben. Denn in beiden Ländern ist mehr mediale Gewalt erlaubt als hierzulande.“

Weitere Argumente, Computerspiele seien unkreativ oder förderten Bewegungsmangel hält Milzner für bedenkenswert. In der Tat sei die Möglichkeit des „körperlichen Ausagierens eher gering“ schreibt er. Er schreibt aber auch: „Wer so argumentiert, der müsste dann auch Schach (…) und Monopoly ächten.“

Als Eltern mit ihrem jugendlichen Sprössling, der zu viel am Computer spiele und dessen schulische Leistungen abrutschten, in Milzners Praxis kommen, fragt sich der Therapeut, ob nicht die meisten Jugendlichen irgendwann einen Leistungsknick gehabt hätten und sich früher eben mit anderen Dingen vom Lernen ablenken ließen. Außerdem fragt er sich, was wäre schlimm daran, wenn dieses computerinteressierte Kind später Designer von Computerspielen würde? Schließlich sei diese Industrie auf dem Vormarsch. Gleichzeitig unterschlägt Milzner nicht, dass Spiele mit hohen Gewaltanteilen bei Kindern Albträume und Verstörungen hervorrufen können – ähnlich wie Filme. So seien Ego-Shooter eindeutig nichts für Kinder.

Und wie sieht es mit dem Suchtpotenzial aus? Diesem Thema widmet sich der Psychologe ausführlich, da es auch hier keine einfachen Antworten gibt. So unterscheidet er beispielsweise in Zwang, Sucht, Exzess und Leidenschaft und sagt, dass nicht jeder, der gern und viel am Computer spiele sofort süchtig sei. Zudem käme es auf das Kind und die Umstände an. „Ein Kind, das nicht schlafen kann, das mit seinem Spielzeug nicht mehr zurechtkommt oder keine Freunde mehr sieht, braucht alles Mögliche, aber sicher nicht noch mehr Bildschirm. Umgekehrt wäre es bei einem leidenschaftlichen „Zocker“, der sozial und intellektuell gut zurechtkommt, unsinnig, ihm die Spielflächen seiner Leidenschaft zu nehmen.“

Georg Milzner bearbeitet in seinem Buch auch die Themen „Facebook“ und „Selfies“. Er meint, welche Bedeutung und Auswikungen soziale Netzwerke tatsächlich haben, würde erst in Zukunft deutlich. Aber eine US-Studie fand bereits heraus, dass Stimmung und Wohlbefinden bei Probanden sank, umso länger sie sich in sozialen Netzwerken aufhielten. Bei Facebook zu sein ist aber gesellschaftlich anerkannt und wird auch von Erwachsenen weniger hinterfragt als Spiele mit der Konsole zu spielen.

Fest steht: Internet, Smartphones, Tablets, Apps und Spielkonsolen sind nicht mehr wegzudenken. Die Digitalisierung schreitet in vielen Bereichen voran. Milzner ist überzeugt, welches Kind mit einem Computer umgehen kann, ist im Vorteil. Auch der Bildungsforscher Jörg Dräger findet, Schulen und Lehrer müssten sich über kurz oder lang darauf einstellen, Wissen mithilfe von Computern und Smartphones zu vermitteln. „Schon jetzt benutzen ja viele Eltern und Schüler Erklärvideos aus dem Netz, um den Schulstoff besser zu verstehen und zu üben“, sagte er kürzlich im Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Richtig eingesetzt sei der digitale Wandel kein Problem, sondern könne zu mehr Chancengerechtigkeit beitragen, meint Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung. Jörg Dräger findet auch, Handys gehörten in der Schule als Lernmittel auf den Tisch und nicht verboten.

Georg Milzners Buch regt an, sich mit Computerspielen um der Kinder Willen intensiver auseinanderzusetzen. Es gehe auch um gemeinsame Zeit mit den Kindern, die man auch bei einem Autorennen am Computer haben kann. Bei näherer Betrachtung verliert dann die eine oder andere Computerzeit ihren Schrecken. Der Druck, es irgendwie rechtfertigen zu müssen, warum das Kind spielt, lässt nach.

Georg Milzner sagt:

  • Eltern sollten Interesse an Computerspielen zeigen, sich informieren und mitspielen.
  • Computerspiele nicht verteufeln, sondern mit dem Kind herausfinden, was und wie lange es ihm gut tut und ab wann nicht mehr.
  • Auf altersgerechte Spiele achten.
  • Keine starren „Bildschirmzeiten“, lieber vereinbaren, das Spiel oder Level zu Ende zu spielen.
  • Ungeteilte Aufmerksamkeit und medienfreie Räume sind wichtig: eine zeitlang keine Emails checken, nicht ans Telefon gehen, nicht aufs Iphone schauen, sondern mit den Kindern reden oder spielen.
  • Sehr viele Erwachsene schenken der eingetroffenen Nachricht auf dem Smartphone mehr Aufmerksamkeit als dem Gegenüber am Tisch. Warum? Eltern sollten ihren Umgang mit Smartphones, Tablets, Computern hinterfragen, denn sie sind Vorbilder für Kinder.
  • Ein Smartphone-freies Wochenende, warum nicht?
  • Facebook nicht als Bestätigung auffassen, das führe nur zu Frust.
  • Den Kindern beibringen, dass die Internetwelt nicht das richtige Leben ist.
  • Auf Ausgleich achten: trifft das Kind echte Freunde? Spielt es draußen?

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Interview mit Georg Milzner

Frage: Sie finden, die meisten Eltern, Erzieher und Lehrer gehen zu hysterisch mit dem Thema Computer um. Wieso?

Georg Milzner: Wir erleben aktuell einen Kulturwandel von großem Ausmaß. Da ist es normal und auch angemessen, dass er von Sorgen begleitet wird. Diese Sorgen werden im Allgemeinen von Hoffnungen aufgewogen, dass auch etwas besser wird. Das scheint im Moment anders zu sein. Die Angst, dass Kinder und Jugendliche durch die Digitalisierung in erster Linie draufzahlen werden, indem sie dümmer, gewalttätiger und womöglich süchtig werden, dominiert. Besonders ausgeprägt ist sie, wie Statistiken zeigen, bei denen, die am wenigsten von der Computerwelt verstehen. Überdies wird die nachvollziehbare Angst von einigen Fachleuten befeuert, die behaupten, man könne naturwissenschaftlich nachweisen, dass unsere Jugendlichen durch die Digitalisierung mental verwahrlosen. Das hierdurch ausgelöste Klima bezeichne ich als „Digitale Hysterie“.

Frage: Besorgte Eltern fürchten Mobbing auf Facebook oder dass Computerspiele ihre Kinder verblöden. Was sagen Sie ihnen?

Milzner: Das sind nun gleich zwei ganz große Themenbereiche, die überdies nichts miteinander zu tun haben – außer, dass sie beide mit der Digitalisierung zusammenhängen. Das ist übrigens oft so, dass ganz weit auseinanderliegende Themen miteinander in einen Topf geworfen werden, bloß weil sie alle am Computer hängen. Aus diesem Grund habe ich jedem dieser Themen in meinem Buch auch ein eigenes Kapitel gewidmet. Und beschränke mich daher hier lieber auf etwas Grundsätzliches. Allen Eltern sage ich: Die Digitalisierung wird nicht weggehen. Sie geht vielmehr weiter. Verbote allein helfen da nicht. Versuchen Sie lieber, Anteil zu nehmen und präsent zu sein. Ein Kind, an dessen Welt Eltern Anteil nehmen, hat schon einmal sehr viel geringere Aussichten, sozial zu verwahrlosen und mental zu „verblöden“.

Frage: Bei Ihnen ist Bildschirm nicht gleich Bildschirm. Wo sind Unterschiede?

Milzner: Die Bildschirmaktivitäten sind einfach sehr unterschiedlich. Wer gamed der macht ja etwas, während man beim Fernsehen nur aufnimmt. Beim Chatten interagiert man, bei einem Point-and-Click-Spiel muss man Aufgaben lösen, um dem Spielfortgang zu folgen. Bei Youtube sitzt man passiv davor, während man bei einem Wettkampf an einer Wii im Grunde Sport treibt.

Frage: In einem Restaurant sah ich ein höchstens zweijähriges Kind mit dem Smartphone der Eltern. Macht das Sinn?

Milzner: Wenig. Einerseits möchten Kinder natürlich immer das haben, was auch die Eltern haben. Aber die Bedürfnisse eines Zweijährigen sind noch von ganz anderer Art – viel mehr am Betasten, am Erkunden und an der Bezogenheit orientiert. Ich lasse einen Zweijährigen ja auch nicht mit meinem Rasierer spielen.

Frage: Warum sollten Kinder Computer- und Medienkompetenzen entwickeln?

Milzner: Computer- und Medienkompetenz entwickeln sie sowieso, meist schneller als ihre Eltern. Viel wichtiger ist, dass sie Selbstkompetenz entwickeln.

Frage: Sie finden, auch Erwachsene sollten den Umgang mit Computern und Bildschirmen hinterfragen. Inwiefern?

Milzner: Weil sie die Modelle bieten, an denen Kinder sich orientieren. Es geht in die Irre, nur besorgt auf gamende Kinder zu starren und zugleich die eigene Mediennutzung unhinterfragt zu lassen. Mütter oder Väter, die neben ihrem Kind sitzen und nur mit ihrem Smartphone beschäftigt sind, schaden ihrem Kind vermutlich mehr als das eine oder andere Game.

Frage: Wie sähe der ideale Umgang mit dem Computer aus?

Milzner: Eine schöne Frage – und sie wird uns Stoff für die nächsten Jahre liefern. Vermutlich haben wir alle die Vision, dass wir den Computer benutzen, anstatt dass er uns benutzt. Andersherum können wir gar nicht anders, als uns der Welt, die um uns erzeugt wird, auch anzupassen. Doch bisher haben wir noch nicht einmal im Ansatz gesellschaftlich diskutiert, wie viel Computer wo und zu welchem Zweck wir denn eigentlich möchten. Und was wir uns von der Digitalisierung für unsere Zukunft erhoffen.

Christine Schniedermann ist Mutter, freie Journalistin und Autorin

www.muensterlandroman.de

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